Kampf der Elemente: Porsche 964 Carrera RS 1991

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In den späten 80ern zieht sanfter Komfort in die luftgekühlten Fahrmaschinen von Porsche ein, aber ein einziger Nachfolger des G-Modells bleibt rebellisch: der 964 Carrera RS. Wir haben für diese Rakete selbst nicht genug Kies, aber wir kennen einen, der einen kennt, der einen hat. Ab zum Kieswerk

 

Der ist ja total blau, der alte Säufer… Stimmt. „Maritimblau“ heißt die Farbe. Klingt alt – dabei ist der Porsche 964 Carrera RS erst 29 Jahre her, wo ist die Zeit geblieben? Timo Knoblich aus Stutensee bei Karlsruhe reibt sich die Hände – eine Art Warmmachen. Dabei ist das Auto absolut heiß: Der Carrera RS ist ab Werk schon ausgeräumt, ohne Dämmung und 70 Kilo leichter als die „normalen“ Porsche, die alle unter der ewigen Modellbezeichnung 911 vermarktet wurden. Im Beamtendeutsch der 90er nannte man das sachlich „mehr Motorleistung bei geringerem Fahrzeuggewicht“. Es ist ein Rennwagen, ohne Zweifel.

Knoblich startet den Motor, und der charakteristische Porscheklang röchelt aus den Kühlrippen am Heck. Er ist noch luftgekühlt, der RS. Das große Gebläse schaufelt permanent und unermüdlich Frischluft und umschmeichelt damit die zwei Zylinderbänke des großen Boxers. Gut, dass der Wagen ungedämmt ist, so etwas will man schließlich hören. Unser Ziel ist das Kieswerk im Nachbarort. Passt zum teuren Selbstbeweger …

Elementare Themen beschäftigten in den 80ern auch den Sportwagenbauer in Stuttgart-Zuffenhausen. Die Cash-Cow 944 lahmte und ließ sich nicht mehr so gut melken, der seit den 60er Jahren immer weiter verbesserte 911 hatte seine Ausbaugrenze erreicht. Man kann seinen PC mit immer mehr Arbeitsspeicher und immer fetteren Grafikkarten lange überleben lassen – aber irgendwann sind Mainboard und Prozessor einfach nicht mehr zeitgemäß. Ein neuer Porsche musste her. Und er sollte viele traditionelle Bauweisen über den Haufen werfen.

Mit dem neu konstruierten 964 verabschiedeten sich die Schwaben nach 40 Jahren von der schon im 356 eingesetzten Drehstabfederung und rüsteten das neue Leichtmetallfahrwerk mit McPherson-Federbeinen vorne und Schraubenfedern hinten auf. Für die immer komfortgierigeren Kunden wurden Servolenkung und ABS serienmäßig verbaut, der Boxer bekam Klopfsensoren und einen geregelten Katalysator.

Die Form wurde grundsätzlich bewahrt, die bekannte Karosserie aus dem seit 1973 herumfahrenden G-Modell wurde aber überarbeitet und die Stoßstangen schmatzend in Heck und Front integriert. Ein vollverkleideter Unterboden und ein automatisch ausfahrender Heckspoiler ermöglichten Geschwindigkeiten, die eher auf einen amerikanischen Salzsee als auf eine „German Autobahn“ passten. Die Coupés, Cabriolets und Targas waren wieder echte, schnelle Sportwagen und boten trotzdem Mami und Papi mehr Fahrkomfort als ihre ruppigen Vorgänger. Jung von Matt textete genial: „Sie können länger frühstücken. Sie sind früher zum Abendessen zurück. Gibt es ein besseres Familienauto?“

Knoblich rührt am kurzen Schaltknauf und am originalen RS-Lenkrad herum, der brettharte Sportler röchelt heiser die Bundesstraße rauf. Der nachträglich vom Zweitbesitzer für Trackdays eingebaute Überrollkäfig verbreitet nicht nur eine noch puristischere Sportwagenatmosphäre als die RS-Schalensitze und die spärlichen Türpappen ohnehin schon, er bietet dem Beifahrer auch viele sinnige Möglichkeiten, sich festzuhalten. Hier drinnen sieht alles so aus, wie man es von einem Porsche erwartet, mal abgesehen von den ebenfalls sehr blauen Hosenträgergurten.

Der nur 2.000 Mal gebaute Carrera RS fährt sich sahnemäßig, der trockensumpfgeschmierte Luftboxer im Heck hängt gierig am Gas und erzählt uns Geschichten aus 25 Jahren, von sehr schnell gefahrenen Runden und von dem ewigen Wunsch, ein bisschen schneller als die anderen zu sein. Dabei ist er gar nicht so ein Säufer wie zuerst gedacht, obwohl er ständig blau ist. Die Bosch DME sorgt elektronisch für die richtige Verbrennung, und zusammen mit einem geringeren Windwiderstand als ein Falke im Sturzflug kann man das blaue Wunder durchaus mit 14 Litern Super bewegen.

Muss man aber nicht. Wer in den frühen 90er-Jahren genug Kies in Form von rund 150.000 Mark für ein Auto ausgab, guckte nicht auf den Benzinverbrauch. Wer sich heute einen seltenen RS holt und fast das gleiche Geld wie damals auf den Tisch legt, macht das auch nicht.

Einen 964 kauft man nicht, um Benzin zu sparen. Den kauft man, um Spaß zu haben.

Knoblich, perfekt vorbereitet, drückt dem Kiesgrubenbesitzer eine Flasche guten Cognac in die Hand, und der lässt uns in sein Reich. Die Elemente stehen im krassen Kontrast. Die matten 17 Zoll großen Magnesiumfelgen nehmen die Schattierung des Bodens auf, die Sonne spiegelt sich im polierten Maritimblau vor riesigen Bergen aus grauen Steinen und Schotter. Und am Horizont kündigt sich düster Armageddon an. Beeilen wir uns.

Und passen wir auf, dass nicht zu viele Steinchen hochgeschleudert werden, der 964 gehört Knoblich nämlich nicht. Das Auto ist eigentlich kurz in der Obhut von seinem Kumpel Heiner Botz, der die heiligen Hallen des „Elferpools“ in Ubstadt-Weiher hütet. Botz hatte den Porsche vor fünf Jahren von einem befreundeten Rennfahrer gekauft und ihn weitergegeben an einen anderen befreundeten Rennfahrer. Jetzt hat er ihn wieder zurückgekauft, ist ihn ein paar Wochen selbst gefahren und reicht ihn nun an einen dritten (Achtung) Rennfahrerfreund weiter, der vor fünf Jahren nicht schnell genug war. Der will ihn nun als Wertanlage hegen und pflegen. Verwirrend? Immerhin müssen wir uns diesmal nicht mit der Namenspolitik amerikanischer Automarken rumschlagen, also ist doch alles fein.

Wieder zurück vor der Halle steigt Knoblich ungern aus. Er ist im Porsche-Fieber, leider fehlt ihm auch nach dem Ausflug zur Grube der nötige Kies. Botz wiederum fehlt der Platz. Wo wir jetzt parken, entsteht bis zum nächsten Frühjahr ein kleines Hotel mit zwölf Zimmern für Oldtimerfreunde, deshalb musste er sich von einigen seiner Exponate trennen. Und Timo Knoblich fragt sich, ob er jemals wieder in einem Porsche mit so einer Farbe sitzen wird …

TECHNISCHE DATEN

Porsche 964 Carrera RS

Baujahr: 1991
Motor: Sechszylinder-Boxer
Hubraum: 3.600 ccm
Leistung: 191 kW (260 PS) bei 6.200/min
Max. Drehmoment: 325 Nm bei 4.800/min
Getriebe: Fünfgang-Handschalter
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.275 / 1.652 / 1.270 mm
Leergewicht: 1.150 kg
Beschleunigung 0–100 km/h: 5,3 Sek.
Top Speed: 260 km/h
Neupreis 1991: ca. 155.000 Mark

Text und Fotos: Jens Tanz

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