The Good, the Bad & the Ugly: Rat Rod Hollywood

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The Good, the Bad & the Ugly: Rat Rod Hollywood

Bei diesen Autos wird TÜV-Prüfern schlecht und Petrolheads schwindelig: Ratten sehen aus wie Relikte vom Schrott. Hinter dem nackten Elend verbirgt sich aber astreine Technik. Und wenn zur Ratte noch ein Rod kommt, ist das Glück für die Outlaws perfekt

 

Es geht um Spaß, um Freiheit, um Individualität. Darum, ein Auto zu fahren, das man für Geld nicht kaufen kann. Tuning also? Pahh!! Der Opa des Tunings heißt „Hot Rodding“ und geht zurück in die 40er Jahre, als unangepasste Amis den Spaß am Speed entdeckten. Zwar ließen die Nachkriegswehen noch keine Hobby-Industrie zu, aber dank Fords Massenmotorisierung gab es genügend Autos, die obendrein nicht teuer waren. Erst recht nicht, als die Mobilisierung in den Fünfzigern wieder anzog. Und so wuchteten junge Amis schwere Motoren in leichte Autos und erfanden das Hot Rodding, den Vorläufer des Drag Racing. Optik war Nebensache, es ging darum, dem chromblitzenden Establishment zu zeigen, was eine Harke ist. Die mit Flammen-Design und Chromfelgen verschönerten Rods & Customs folgten erst später und stellen den in der Wolle gefärbten Roddern bis heute die Haare zu Berge. Echte Rodder sind Ratten, so ihr Credo, entsprechend leben sie ihre Leidenschaft.

Ratten grenzen sich von allem ab, was normal ist und vom Band rollt. Sie zeigen stolz den automobilen Verfall, Rost, Lackschäden, am liebsten gar keinen Lack. Soll doch alle Welt sehen, was die Karre schon durchgemacht hat – Hauptsache, die Technik hält. Mögen all´ die Old School Rods, High-Tech Rods, Street Rods, Resto Rods oder Hi-Boys der gemäßigten Szene noch so spektakulär sein, nichts geht über das minimalistische, rohe Erscheinungsbild eines Rat Rod. Vergammelte Optik, alles, was nicht zum Fahren benötigt wird, fliegt raus, die Patina bleibt unbehandelt. Aber die Technik stimmt.

Wie das aussehen kann, zeigt Michael. Seine Ratte würde jedem TÜV-Prüfer den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Nichts an diesem Auto ist original, vieles hält mit Schweißdraht und guter Hoffnung. Trotzdem fährt er legal auf öffentlichen Straßen – zumindest in Amerika, bevorzugt in Hollywood. Man kann sich bildlich vorstellen, wie die Schickeria in ihren gepflegten Vettes, Ferraris und AMGs zusammenzuckt und hart rechts ranfährt, wenn der Rosthobel auftaucht – um Gottes willen keinen Körperkontakt! Michael schweigt, grinst und genießt. Und nur er weiß, was sich unter dem flotten Schrott verbirgt. „Autos sind zum Fahren da, nicht zum Polieren“, meint der stolze Besitzer, „Autos müssen einen eigenen Charakter haben.“ Also suchte Mike seinen Traumwagen und fand ihn ganz in der Nähe von Sacramento, wo er wohnt. Die California Beauty packte ihn sofort, den wollte er – und keinen anderen.

Unter der Haube des 48er GMC tut ein 350cui-ChevySmall Block seinen Dienst, nicht ganz original, aber immerhin original aus der Zeit. Das Drumherum wurde sachte gepimpt: Edelbrock 4-fach Vergaser, Scheibenbremsen rundum, ein Mustang-Tank und ein sonorer Auspuff mit dem Klang eines Powerboats, das vor Santa Monica Beach kreuzt. Und natürlich die Federung, das A und O jeder Rod-Performance. Die Luftbälge lassen Mike´s Ratte vorne quasi auf dem Asphalt kratzen, den Hintern reckt er mit kecken 4“ in die Höhe. What a show! Wieviel PS er hat? Hmm. Wieviele Revs? Wen interessiert denn sowas … Gewicht? So zwischen 6.000 und 7.000 pounds (gut 3 Tonnen) werden´s schon sein. Ganz offensichtlich interessiert das Mike nicht die Bohne. Außerdem schraubt er nicht selbst an seinem Rod, hat also eher keine Ahnung von unwichtigen  Details. Der GMC wurde bei einschlägigen Customizern auf-, bzw. abgebaut, wenn es nötig ist, fährt er eben nach Sacramento und lässt die Kenner ran. Für Mike ist der Spaß wichtig, den er mit seinem Rod hat, die –fast immer begeisterte – Reaktion der Leute, das Strahlen der Kinder, wenn sie die verrückten Gimmicks entdecken: Dolche, die aus der Stoßstange ragen, Felgensterne wie Messer, eine Skeletthand, die verzweifelt aus der Karosse  ins Leere greift. Martial Arts? Mitnichten, Mike ist trotz seiner 49 Lenze einfach selbst noch ein Kind und hat einen Heidenspaß an der Karre.

Und da er alles nicht so eng sieht, hat er auch keinen Kummer mit Ersatzteilen. „Muss nicht unbedingt original sein“, gibt er sich großzügig, „was passt und mir gefällt, ist ok.“ Mike ist übrigens erst seit einem Jahr Rat Rodder, früher fuhr er Harley und nichtssagende Autos, bis der Kindheitstraum vom Rod übermächtig wurde. Die Frau trägt´s mit Fassung, die Söhne sind angefixt – und das ist auch gut so. „Den Rod werde ich nie verkaufen“, ist der Herr der Ratte überzeugt, „der bleibt in der Familie.“ Sein Ältester ist 12 und fährt fleißig mit zu Car Shows, Big Meets und zum Super Sunday, wo sich Autofreaks aller Marken, Zeiten und Generationen treffen. Michael ist immer der Mittelpunkt, da können noch so viele Lambos, Ferraris und Caddys aufkreuzen. Das hat sein Junior auch schon geschnallt und ist mindestens so stolz wie Papa. Könnte klappen mit der Erbfolge …

 

Autor: Marion Kattler-Vetter / Fotograf: Nico Paflitschek
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