Volvo P1800 – Simon Templars Sportwagen

Volvo-P1800-Aufmacher-Panorama-20Wenn man den Sportkombi auf Basis des Volvo P1800 als „Schneewittchensarg“ bezeichnet, dann kann das wunderschöne Coupé ja nur Schneewittchens ureigener Sportwagen auf dem Weg in die Kiste sein. Oder der Dienstwagen von Simon Templar in der gleichnamigen Krimiserie. Oder das erste Auto von Schwedens König Carl Gustav: Der teure Beau mit dem ikonenhaften Design verdreht auch heute noch die Köpfe. Wir haben das ausprobiert

„LJUS“ und „FLÄKT“ steht auf den klobigen Zugschaltern. Angemessen wäre eigentlich „LUCE“ und „VENTILAZIONE“, denn die verführerischen Formen dieses Autos können eigentlich nicht aus Schweden stammen. Volvos Designer waren doch eher dafür bekannt, dass sie ausschließlich mit dem Lineal zeichneten. Die müssen also ursprünglich in Italien beheimatet sein, oder? Und wenn man nun noch zur völligen Verwirrung ein wenig „Great Britain“ mit in den Topf wirft, stimmt alles. Mal abgesehen von der Dreiländer-Übersicht, aber das lässt sich ändern.

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Schwedenlicht vor British Telekom. Die Farbe ist die gleiche Vorne schlürf, 
hinten trööt. 
Kein V8, aber ein kerniger Sound allemal

Schwedisch-Italienische Kurven
Linealzeichner Helmer Petterson, verantwortlich für den legendären Buckelvolvo, wurde von den alten Schweden im Sommer 1957 damit beauftragt, einen Gran Turismo auf die Räder zu stellen – wenn irgend möglich aus einer italienischen Feder. Italien war damals sehr sehr sexy. Petterson schnappte sich ein paar Zeichnungen seines Sohnes Pelle, der nach dem Studium am New Yorker „Pratt Institute“ justamente bei der italienischen Karrosserieschmiede Frua unterschrieben hatte. Die Schweden waren vom Italo-Design des Landsmannes mehr als begeistert, vermutlich färbte Pietro Frua auf den Mann ab. Frua zeigte sich damals verantwortlich für solche Legenden wie Maserati Mistral, Quattroporte I, Glas V8 (dem „Glaserati“) und dem Lamborghini Faena. LUCE und VENTILAZIONE. Der heute 83-jährige Petterson gestaltete später auch Türbeschläge und WCs – es ist allerdings nicht überliefert, ob sich diese Entwicklung schon aus Details des Volvo P1800 ableiten lässt. Da war sie also nun, die eierlegende Wollmilchsau mit dem italienischen Strich aus einer schwedischen Feder. Der Vorstand gab im Dezember 1957 grünes Licht für die Produktion eines der aufregendsten Coupés des 20. Jahrhunderts.

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Chrom und Design so weit das Auge reicht. Der Volvo ist einfach nur… schön! Metall und Rundinstrumente fast wie im Porsche

Britisches Elend
Und das ist heute noch immer oder schon wieder so aufregend wie damals. Die dezent chromverzierte Linie des Zweisitzers mit schmaler Notsitzbank lässt den Wunsch aufkommen, sich das Ding in die Vitrine zu stellen. Ein bisschen Ferrari, ein bisschen Heckflossen-Coupé und alles andere als eckig und kantig – im Frühjahr 1960 fegte der P1800 alle anderen Fahrzeuge auf der New York Auto Show und dem Brüsseler Salon aus den Hallen. Die Presse war geplättet, und schon kam das erste Problem auf die Schweden zu: Die Fertigung des Sportwagens gestaltete sich komplizierter als erwartet, und es fehlten die Kapazitäten im Land der Nadelbäume und der Elche. Nach zähem Hin und Her gesellte man die Insel zum Italo-Schweden-Gespann dazu und ließ die Blechteile vom schottischen Konzern Pressed Steel anfertigen. Per Bahn wurden sie anschließend zu Jensen Motors ins englische West Bromwich gebracht, wo die Fahrzeuge zusammengebaut wurden. Das war ein Fehler: Die Qualität ausgerechnet der ersten 250 Exemplare (für die Presse und ausgewählte Erstkunden) war so katastrophal, dass die Neuwagen im heimischen Volvo-Werk in Göteborg unter großem Aufwand nachgebessert werden mussten. Und lernfähig war man anscheinend bei den Linksfahrern damals auch nicht: Selbst ein vor Ort installiertes Team aus schwedischen Ingenieuren konnte die Endmontage bei Jensen nicht dahingehend in den Griff bekommen, dass man in Göteborg zufrieden war. Volvo zog die Notleine und verlagerte schon 1963 die Montage des P1800 ins schwedische Volvo Werk Lundby. Von da an ging’s voran, und der junge Karl Gustav, damals noch nicht König von Schweden, nannte als 18-jähriger eben so einen P1800 sein allererstes Auto.

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Mehr ein Joystick denn ein Schaltknüppel. Er will fest umfasst werden Ein Rücksitzchen ist zwar da, aber nicht für lange Reisen zu empfehlen

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Vollgas, doppelt beatmet
Bei uns geht es nicht sofort voran, der Motor bockt ein bisschen und will nicht so richtig anspringen. Erst als ein undichter Spritschlauch gefunden und durch einen neuen ersetzt ist, brüllt der Vierzylinder mit den beiden seitlich hängenden Vergasern seinen Blues in die Abendluft. Im Cockpit begeistern fast so viele runde Uhren wie in einem Porsche, die Kupplung erfordert eine Menge Kraft im linken Bein und der kurze Schaltknüppel will mit geschultem Tennisarm in seine Position gedrückt werden. Der Volvo fährt sich, wie sich eben so ein Auto aus den 60ern fährt. Für alles ist ein bisschen mehr Kraft als gewohnt nötig, das Lenkrad liegt dünn und hart in der Hand und sowohl der Motor, das Fahrwerk und ab 60 km/h auch der Wind machen einem klar, dass sie da sind. Na gut, jemand hat mal beschlossen, dass ein Sportwagen keinen Komfort haben darf, und das gelingt dem P1800 ganz gut. Er wiegt nicht viel, geht gut los, und wenn man nicht gerade nach hinten gucken muss, stört auch die Unübersichtlichkeit der hohen Gürtellinie nicht. Die Fans mochten ihn. Die Auftragsbücher waren voll.

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Hübsch hübsch. Schönes Triebwerk, und hinten ist sogar noch Platz für ein Köfferchen

Amis stehen auf ihn
In Europa allerdings kröpelten die Verkaufszahlen des P1800 mit dem zusätzlichen Buchstaben „S“ (als Symbol für die neue Qualität – jetzt aus Schweden) allein schon wegen des hohen Preises vor sich hin. Die sexy Linien des Gran Turismo konnten den kritischen Neuwagenkäufern nicht endgültig die altbackene Technik unter dem Röckchen schönmalen. Ein veraltetes Motorenkonzept mit Stößelstangen und diese sehr tiefe Sitzposition stieß den Testern ebenso auf wie die gefühllose Lenkung und diese Kupplung, die als Heimtrainer für das linke Bein Furore machte. Alfa Romeo und Porsche waren da schon etwas ausgereifter – und dazu auch noch preiswerter. Immerhin hatte der P1800 schon vordere Bremsscheiben und keine Trommeln. Aber die Amis… die liebten den schönen Schweden und kauften den ganzen Markt leer. Volvo legte in den folgenden Jahren noch ein paar leistungsgesteigerte Motoren nach, ab 1969 wurde die 
D-Jetronic von Bosch angeboten und verhalf dem Motor zu respektablen 124 PS und US-konformen, strengen Abgaswerten. Im selben Jahr verschiffte man auch final die Walzen von Pressed Steel in Schottland hinüber nach Schweden und baute fortan im Werk Olofström auch die Karosserie selbst.

Der Dienstwagen 
von Simon Templar
Ruhm und Ehre sowie eine beispiellose (und kostenlose) Werbekampagne bekam der Volvo durch die ITC-Krimiserie „The Saint“. Haudegen Simon Templar, gespielt von Frauenheld Roger Moore, sollte eigentlich einen urbritischen Jaguar E-Type unter den Po geschneidert bekommen. Bei Jaguar reagierte man allerdings dermaßen glattgelutscht, dass die Produktionsfirma lieber bei Volvo anrief und eine Woche später einen weißen P1800 am Set stehen hatte. Den fuhr Herr Moore dann höchst werbewirksam über 118 Folgen und sieben Jahre durchs Fernsehen. Tja. Da haben’s die Briten gleich noch ein zweites Mal verzockt.

Schneewittchens Sarg
Ab 1971 holte Chefdesigner Jan Wilsgaard noch einmal zum Sahnehäubchen aus und schneiderte dem Coupé ein sportliches Kombiheck. Die Karosserievariante „Shooting Brake“ war seinerzeit besonders angesagt bei Briten und Amerikanern, die endlich ihre Golfausrüstung ins Sportcoupé hineinbekamen. Um dem Kombi die optische Masse zu nehmen, bekam er große Fensterflächen – und den Beinamen „Schneewittchensarg“. Der P1800 ES schob die Verkaufszahlen noch einmal ordentlich an, doch als für den nordamerikanischen Markt ab 1974 neue Sicherheitsrichtlinien angekündigt wurden (unter anderem dicke, in vorgeschriebener Höhe angebrachte Stoßstangen), beschloss man in Schweden das Aus für den sportlichen Volvo. Im Juni 1972 verließ der letzte Wagen der schon im Voraus komplett ausverkauften letzten Auflage das Werk. Insgesamt wurden 39.414 Volvo P1800 gebaut.

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Alter Schwede
Ein schwedischer Designer mit italienischem Einfluss, schottische, englische und schwedische Produktionsstätten und eine Menge Fans in den USA – es ist ein wahrhaft internationaler Klassiker, mit dem wir da durch die Ebene zwischen Münster und Osnabrück röhren. Er macht Spaß, er ist technisch unkompliziert, er ist im Vergleich zu anderen Design-Ikonen durchaus bezahlbar und bei ausreichender Pflege sogar im Alltag relativ preiswert zu bewegen. Man muss nur damit klarkommen, dass einen alle paar Meter wildfremde Menschen freundlich ansprechen, winken oder begeistert die Augen aufreißen. Der Volvo P 1800 ist eines dieser wenigen Autos, die man wohl quer durch alle Meinungen als „Guten Wurf“ bezeichnen kann. Und heute verzeihen wir ihm seine damaligen Macken, seinen altbackenen Motor und seine schwergängige Pedalerie. Im Zeitalter von autonomem Fahren und automobiler Vollvernetzung ist das gelebte Entschleunigung und Väterchens Fitness in einem so sagenhaft schönen Kleid, dass schon mal der Atem stockt.
Dann also schnell „FLÄKT“ anmachen. Geht doch.

Übrigens: Dem Umstand, das Templars Initialen ST auch als The Saint gelesen werden können, verdankt die Serie ihr Markenzeichen: ein Strichmännchen mit einem Heiligenschein.

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Han går snabbt förbi: Der alte Schwede geht auch für heutige Maßstäbe echt gut ab
TECHNISCHE DATEN
Volvo P 1800 S
Baujahr: 1968
Motor: Vierzylinder Reihe
Hubraum: 1.986 cm3
Leistung: 77 kW (105 PS)
Max. Drehmoment: 157 Nm
Getriebe: Viergang-Handschalter
Antrieb: Vorderräder
Länge/Breite/Höhe: 4.350/1.700/1.280 mm
Leergewicht: 1.130 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 11,9 s
Top-Speed: 180 km/h
Wert: ca 16.000 Euro

 

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