Targa Florio auf Sizilien – Sizilianische Eröffnung

Sizilien, die größte Insel im Mittelmeer, ist jede Reise wert. Erst recht, wenn man sie im Porsche 356 Speedster erkundet. Und als Chauffeur den ehemaligen Werkspiloten Vic Elford hat. Der gewann hier in einem aufregenden Lauf die Targa Florio im Jahr 1968

Okay, es sind nicht gerade 48,5 Grad. So hoch war hier auf Sizilien die heißeste jemals gemessene Temperatur in Europa, und darunter litten die Menschen am 10. August 1999 enorm. Und auch die Sommerdurchschnittstemperatur von 19 Grad erreichen wir nicht. Im Gegenteil. Um ehrlich zu sein: Es gießt in Strömen, und die Kälte kriecht durch die Klamotten.

Vic Elford stört das nicht. Der ehemalige Porsche-Werksfahrer hat überhaupt keine Lust, Italien in einer Höhle zu genießen. Selbst wenn die Höhle ein Porsche ist: Wer das Verdeck eines 356er Speedster aus Angst vor Nässe schließt, hockt in einem dunklen Verlies, sieht aus wie ein verschreckter Maulwurf und wird zudem noch mitleidig belächelt. So genießt man nicht Italien.

Zur Wetterentschuldigung: Wir sind auf dem Weg hinauf zum 3.345 Meter hohen Ätna, dem größten und aktivsten Vulkan Europas. Der raucht und dampft, und an seinen Hängen sammeln sich die Wolken. Es ist nicht gerade Sommer und auf der anderen Seite, bei Catania, scheint die Sonne. Da werden auch die Teppiche des 356er Speedster wieder trocken. Die winzigen Scheibenwischer, denen wir vor dem Gebrauch jedweden Nutzen abgesprochen haben, schippen eben doch noch so viel Wasser zum Scheibenrand, dass es auf den Velours über den Schwellern tropft und den edlen Wagen durchtränkt.

Targa Florio – immer eine Reise wert, und sei es als Zuschauer. Eine bunte Mischung an Autos findet sich am Start ein, unterwegs laden pittoreske Plätze und Straßen zum Verweilen ein. Elford fühlt sich allerdings in seinem wunderschönen Werks-356er zwischen anderen Autos am wohlsten

Targa Florio – immer eine Reise wert, und sei es als Zuschauer. Eine bunte Mischung an Autos findet sich am Start ein, unterwegs laden pittoreske Plätze und Straßen zum Verweilen ein. Elford fühlt sich allerdings in seinem wunderschönen Werks-356er zwischen anderen Autos am wohlsten

 

Aber das ist auch schon alles an Kritik. So etwas kann überall passieren. Nicht überall dagegen ist Sizilien: 25.426 Quadratkilometer groß mit rund 4.960.000 größtenteils sympathischen, freundlichen und autoverrückten Bewohnern. Und das schon lange: 1906 ließ sich der Unternehmer Vincenzo Florio die „Targa Florio“ als Touristenattraktion einfallen, ein Autorennen über die gesamte Insel. Und die gibt es bis heute: Erst als einzeln gewertetes Rennen, dann als Weltmeisterschaftslauf der Sportwagen-WM, später als Rallye-Lauf und nun auch als Gleichmäßigkeitsfahrt für Klassiker.

Und weil Porsche die Targa elf Mal gewann, nahmen die Stuttgarter jetzt als Werks-Mannschaft bei der Eco Targa Florio Classic teil: Neben einem 911 2.7 und einem Targa mit drei 356er Speedster. Der 356 A Speedster 1600 von Vic Elford wurde 1956 gebaut. Damals kostete er in Deutschland 11.900,- Mark – es gab ganze 60 PS dafür.

60 PS? Na klar, 1956 ein Sportwagen. Wer 160 km/h fahren konnte, war König, wer seinen 815 Kilo leichten offenen Sportwagen in 16 Sekunden auf 100 Stundenkilometer beschleunigte, war begehrt. Und mit einem Elford am Steuer ist der leichte Sportler auch heute noch ganz schön flink.

Den gebürtigen Briten interessieren nicht die Schläuche, die zur Zeitmessung ausliegen. Elford brettert drüber und schwelgt von „seinem“ Eiland: „Ich bin jetzt bestimmt das zwölfte Mal hier, es ist die schönste Insel, die ich kenne.“ Das hat sicher mit seinem Targa-Florio-Sieg 1968 zu tun, als er in einer unglaublichen Aufholjagd trotz heftiger Rad-Probleme gewann. „Eines der Hinterräder war nicht fest genug angezogen. So löste sich die Zentralmutter und das Rad scherte ab. Ich hielt an, suchte die Teile zusammen, und als ich sie wieder anbauen wollte, hatten Zuschauer meinen Wagen bereits mit Muskelkraft angehoben. So konnte ich den Schaden schnell reparieren und weiterfahren.“ Seitdem liebt er Sizilien. Und die Sizilianer ihn.

Wo er auch auftaucht, muss er Autogramme geben. Man erkennt den Wahl-Sizilianer – genauso wie Hans Herrmann. Die lebende Legende pilotiert einen anderen Museums-Speedster, einen 1600 S mit 75 PS und kämpft tapfer mit der Lichtmaschine, die streikt, weshalb sich die Batterie entleert und Herrmann im Dunkeln über den Weg zum Hotel lässt. Doch die Porsche-Mannschaft repariert das Auto schnell, so dass auch Herrmann bald wieder die Vorzüge von Sizilien genießen kann.

Auf Sizilien muss man auf alles gefasst sein: auf Wasser überall, Vieh auf den Straßen, Benzinmangel wegen falscher Tankanzeige, falsch ansagende Beifahrer und auf einen Hans Herrmann im silbernen 356

Von denen Elford immer wieder schwärmt. Zum Beispiel von den Fischrestaurants bei Syrakus, wo man durch die Küche streifen kann und sich dort den fangfrischen Fisch fürs Abendessen aussucht. Oder von dem Hotel, das von Nonnen geführt wird – und dort selbst ein berühmter Rennfahrer trotz Geld und guter Worte kein Bier mit Alkohol kredenzt bekommt.

Die Targa-Tour ist gut 900 Kilometer lang, da gibt es genug Möglichkeiten, die Insel zu erkunden. Mehr als 80 Prozent Siziliens sind bergig oder zumindest hügelig, die Küstenlinie ist 1.152 Kilometer lang. Viele Häuser scheinen verlassen oder sind verfallen, auch die Straßen sind zum großen Teil in schlechter Verfassung. „Man merkt, dass Sizilien nicht viel Geld zur Verfügung hat,“ sagt Elford, der sich noch gut an den Zustand der Insel vor rund 45 Jahren erinnern kann. „Die Straßen damals waren perfekt,“ denkt er wehmütig laut. Unglaublich, aber wahr: Dank seines fotografischen Gedächtnisses kannte Elford damals jede Kurve samt Einlenk-, Brems- und Schaltpunkten nach nur rund zehn Trainingsrunden. Immerhin war eine Runde 72 Kilometer lang, und sie musste zehn Mal absolviert werden. „Man hätte auch Merkpunkte wie Häuser, Bäume oder Brücken wegnehmen können, ich hätte trotzdem gewusst, wie ich den Wagen optimal um die Kurve wuchte“, sagt er. Rund die Hälfte der Kurven kennt er heute noch – Respekt.

Die Targa Florio ist so ausgelegt, dass auch einige Abendetappen dabei sind, die einen Eindruck von sizilianischem Nachtleben erlauben. Das besteht in den großen Städten oft aus Leuten, die sich nicht drum scheren, ob Autos fahren oder nicht, sondern die Straße als Fußgänger-zone deklarieren. Am Ende der Rallye in Palermo ist sie das tatsächlich: Dort können die Autos noch einmal unter Lampenschein betrachtet werden, bevor sie auf der Rampe vorgestellt werden

 

Aber diesmal muss er den Speedster um Kanten, Stufen und Löcher in der Fahrbahn lenken – diese Schäden sind sehr viel später entstanden. Besonders die Straße von Cerda, wo damals wie heute die Targa Florio startete, Richtung Floriopoli und am Bergmassiv Madonie vorbei ist auf weiten Abschnitten regelrecht abgesackt – und nicht repariert. Gefährlich für tief liegende Autos wie den Speedster.

Völlig ungefährlich, aber nicht weniger faszinierend sind die Ortsdurchfahrten. Die Targa-Organisation hat teilweise extra Fußgängerzonen freigegeben oder Marktplätze geöffnet, damit der Tross von gut 130 Oldtimern sich den autoaffinen Sizilianern präsentieren kann.

Egal, ob durch Caltagirone, die Gassen der Syrakus vorgelagerten und durch Brücken erreichbaren Insel Ortigia oder der auf einem 200 Meter hohen Felsen gelegenen verwinkelten Stadt Taormina – mittendrin statt nur dabei, und das in einem wunderbaren alten Auto, das es erlaubt, sämtliche Gerüche Siziliens in vollen Zügen zu genießen.

Porsche und die historische Targa Florio gehören zusammen, weshalb auch besonders viele Zuffenhausener Sportwagen mitfahren. Und es sind beileibe nicht alles Werkswagen. Hier allerdings schon: Hans Herrmann führt die Armada an

 

Der Sprint zum Ziel in Siziliens Hauptstadt Palermo wird italienisch chaotisch. Was dem Touristen niemals widerfahren wird, genießt bei der Targa Florio derjenige, der trotz teurem Untersatz sein kurzfristig gewährtes Vorfahrtsrecht nutzt: Je eine Motorradstreife setzt sich vor kleine Teilnehmer-Grüppchen von fünf bis zehn Autos und führt sie in gesteigertem Tempo durch den dichten Feierabendverkehr. Wer nicht fast Stoßstange an Stoßstange fährt, hat keine Chance, dem Polizisten zu folgen. Das bedeutet, zart besaitete Rallye-Teilnehmer auch noch zu überholen, um am Motorrad dranzubleiben. Wer es nicht schafft und auch kein Navi an Bord hat, ist in den unübersichtlichen, engen und voll gestopften Straßen Palermos erstmal rettungslos verloren.

Das passiert Elford natürlich nicht. Der lässt sich nicht abschütteln, findet die Zielrampe, wo jeder (Anwesende) vorgestellt und interviewt wird. Und schon hier ist klar: Porsche kommt wieder. Elford kommt wieder. Und wir kommen auch wieder. Sizilien ist immer eine Reise wert.

Zeit für ein Schwätzchen ist immer – auch wenn das Rindvieh kein Interesse daran hat. Der Schuster von Hans Herrmann umso mehr: Wieder hat er dem Ex-Rennfahrer neue Treter gefertigt, die er persönlich übergibt. Das gibts nur in Italien…

 

TECHNISCHE DATEN

PORSCHE 356 A 1600 SPEEDSTER
Baujahr: 1956
Motor: Vierzylinder-Boxermotor
Hubraum: 1.582 ccm
Leistung: 44 kW (60 PS) bei 4.500/min
Max. Drehmoment: 110 Nm bei 2.800/min
Getriebe: Viergang-Handschalter
Antrieb: Hinterrad
Länge/Breite/Höhe: 3.950/1.670/1.220 mm
Gewicht: 815 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 16 Sek.
Top-Speed: 160 km/h
Preis 1956: 11.900,- Mark

Fotos: Porsche, Roland Löwisch

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