Gesellschaftstauglich

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Wenn man vor 30 Jahren einen Oldtimer im Alltag bewegt hat, war man entweder pleite oder ein Freak. Heute gehört ein klassisches Auto zum guten Ton und ist überall willkommen. Was ist passiert?

Vorweg: Ich weiß auch nicht, was passiert ist. Aber es ist etwas passiert.
Anfang der 90er konnte ich mir kein junges Auto leisten, also fuhr ich das, was andere quasi weggeworfen hatten. Taunus Coupé. Granada Coupé. Audi 100 Typ 43. Meine Liebe zu bezahlbarem Blech aus den 70er Jahren erwachte zu diesen Zeiten, aber das lag bestimmt nicht an der Akzeptanz dieser Karren im Alltag. An den Tankstellen wurde ich mitleidig angelächelt. Auf Supermarktparkplätzen pöbelten mich frischgebackene G-Kat-Mütter an, ich solle die versoffene Dreckschleuder doch wegwerfen. Ja, sie meinten meine Autos und nicht ihre resignierenden Ehemänner. Wenn ich Ersatzteile am Tresen der Vertragswerkstätten ordern wollte, wurde man bei Ford ein bisschen blass, bei Audi brach man direkt lachend zusammen. Über den 1983er Cadillac Eldorado möchte ich in diesem Zusammenhang lieber nicht sprechen. Ich galt als Fahrer von 20 Jahre alten Autos als aussätzig, eine mobile Subkultur, und dann war ich auch noch glücklich. Die meisten Neuwagenfinanzierer mussten mich abgrundtief hassen.

Heute heißen die alten Karren Daily Driver, Survivor oder Zustand-3-Klassiker. Erst letztes Jahr habe ich meinen alten Audi 100 verkauft, und die Leute rissen sich förmlich um das Vinyldach. Die Worte „Oberlehrerauto“ oder „Rost schon ab Werk“ fielen nicht ein einziges Mal. Fahre ich mit meinem Taunus an die Tankstelle, kommt immer jemand angeschlichen und freut sich. „Wunderschöner Wagen!“ oder „Hatte ich auch mal“. Keine Ankara Witze, keine Cordhut Sprüche. Die Leute machen Fotos und werden an solchen Abenden später volltrunken im Kleinanzeigenteil versacken. Plötzlich ziehen gestandene Männer ihren Hut, wenn man einen Oldtimer im Alltag bewegt. Einfach so. Jeden Tag und jede Nacht, Sommer wie Winter. Und sie zucken bei der Gegenfrage immer zusammen, warum sie es denn nicht auch machen? Für 10K gibt es wundervolles Blech aus der eigenen Vergangenheit (oder der von Papa), H-Kennzeichen machen den Unterhalt zur Nebensache und über das Internet kommen alle erdenklichen Ersatzteile über Nacht bis ins Haus. Abspackende Steuergeräte gibt es keine. Nur Mechanik. Ein Traum.

Nicht nur der Anwalt, der Zahnarzt oder der Agenturchef haben erkannt, dass man heute mit einem gepflegten Mustang oder einem rüstigen Mercedes C123 sowohl bei der Arbeit, beim Konzertsaal und auch bei den neugierigen Nachbarn vorfahren kann. Die haben das Geld, die sorgen für die überzogenen Preise bei den beliebten Modellen. Aber auch Klaus, Dieter und Manfred holen sich heute altes Blech vor die Tür, gesunder Zustand 3, authentische Patina und viele erlebte Geschichten in Form von kleinen Kratzern oder blassem Lack. Niemand lächelt abfällig. Der Alltagsklassiker ist in der Gesellschaft angekommen.
Ob es an der immer unübersichtlicheren Welt da draußen liegt oder wir jetzt die Generation „Retro“ sind – ich weiß es nicht. Ich kann euch nur ermutigen, euch ein altes Auto zu kaufen. Und wer jetzt noch die Eier hat, auch im Winter zu fahren, ist ganz vorn mit dabei. Scheiß auf Rost, Blech kann man schweißen und versiegeln. Ab dafür!

tanzumsauto@träume-wagen.de

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Jens Tanz

Über Jens Tanz

Das Leben ist zu kurz für kleine Autos und austauschbare Geschichten.
Steht auf: Deutsche Alltags-Oldtimer
Fokus: Rollende Klassiker und ihre Menschen
Leidenschaft: Ein gutes Glas Rotwein, Gitarre und die 70er

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