Matte Karre, Alter.

Tanz ums Auto

Tanz ums Auto - Auf das Stehvermögen kommt es an

Der Deutsche findet neuerdings pauschal alles scheiße. Und er teilt es laut mit. Zeit, mal was GEIL zu finden und das mindestens genau so laut mitzuteilen. Matte Autos. Na und? Immerhin fahren die rum und funkeln nicht überteuert in irgendwelchen dunklen Vitrinen.

Die Oldtimerszene ist bunt, sie ist vielseitig und sie ist manchmal… nun… nicht unbedingt tolerant. Wer bei auf dem Heiligengeistfeld mal versucht hat, in der Mopar Ecke zu parken und aus Versehen nur einen 73er Challenger unterm Arsch hatte weiß, was ich meine. Noch schlimmer ist das bei Autos, die nicht total original sind – oder gar optisch verändert. AAAHHH! Matt gerollt oder gespritzt oder foliert? IIIIIHHHH! Das geht ja gar nicht, sagen die schick gekleideten Wattestäbchen gehobeneren Alters. Ja Himmel aber warum denn nicht? Was ist so verwerflich daran, ein Auto, meinetwegen auch ein klassisches, seltenes oder wunderschönes so zu gestalten, wie man selbst es eben geil findet? Wer macht denn hier die Regeln?

Es sind meiner Meinung nach genau die Jungs und Mädels mit den leicht „individualisierten“ Autos, die diese Modelle über die Jahre retten. In den 90ern haben sich alle über die „Türkengranadas“ aufgeregt. Ratten, matt gerollt, gern mal mit einem roten Sozialistenstern auf der Seite. Aber fahrbereit und technisch gesund, während die Jäger und Sammler mit ihren Lederkrawatten ihre original belassenen Exemplare auf den Schrott schoben. Fehlende Liebe, ein Mustang ist ja more sexy. Oder so „nice“ wie man heute sagt. Heute bekommt man einen fetten Jaguar XJ 40 oder einen mit Holz und Chrom vollgestopften Phaeton erste Serie für 3000 Euro. Fahrbereit, ne Menge Tüv und ein wenig notwendige Liebe. Diese Autos guckt niemand mehr an, keiner traut sich an den Reparaturstau oder investiert mehr Zeit, als ökonomisch sinnvoll wäre. Außer… die matte Fraktion. Es gibt noch immer Menschen, die keinen technisch einwandfreien Youngtimer brauchen. Die einfach ein Auto haben wollen, es mit all seinen Macken und Kratzern fahren wollen und es irgendwie am Laufen halten – und es damit über die Schwelle zum Klassiker retten.

Je mehr glattpolierte, antiseptische und völlig überteuerte Spekulationsobjekte mich auf den Messen dieser Republik mit absurden Preisen anfunkeln, desto mehr zolle ich der „Survivor“-Szene meinen Respekt. Die Autos, die oft so alt sind wie ihre Besitzer und die mindestens genau so viele Falten haben. Aber da ist Liebe im Spiel. Nicht nur Geld. Der Fahrer des matt schwarzen Jaguar bei uns um die Ecke hat sein Auto so verändert, dass es ihm gefällt. Andere reiben sich daran. Auch das ist irgendwie cool. Der Typ fährt den Wagen jeden Tag, und wenn ihm auf dem Supermarktparkplatz mal ein Einkaufswagen gegen die Seite duppst ist es nicht gleich ein wirtschaftlicher Totalschaden. Dann ist es nur ein Kratzer mehr.

Na klar erfreue ich mich auch an original belassenen, chromglänzenden Zeitzeugen, an automobiler Geschichte und an funkelndem Chrom und duftendem Leder. Ohne Frage, das ist toll. Aber deshalb ist ja alles andere nicht automatisch proletig, trashig oder belächelnswert. Ich finde matte Karren geil. Ich finde überhaupt fast alle Autos geil, denen man ansieht, dass ihre Besitzer Zeit und Ideen investiert haben. Ob das nun Plastikspoiler, Flip Flop Lacke oder Auspuffanlagen sind. Man muss das nicht mögen. Aber hey – es gibt echt schlimmerers dieser Tage, oder?

tanzumsauto@träume-wagen.de

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Jens Tanz

Über Jens Tanz

Das Leben ist zu kurz für kleine Autos und austauschbare Geschichten.
Steht auf: Deutsche Alltags-Oldtimer
Fokus: Rollende Klassiker und ihre Menschen
Leidenschaft: Ein gutes Glas Rotwein, Gitarre und die 70er

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