Terra di Motori – Echte Schätze in Italien


Italienische Momente: “Terra di Motori” nennt sich ein Landstrich in der norditalienischen Emilia Romagna. Im “Land der Motoren” haben sich unzählige Auto- und Motorradhersteller sowie – Zulieferer niedergelassen, hier befinden sich viele wichtige Automuseen und -sammlungen. TRÄUME WAGEN erforschte die Gegend im Lamborghini Gallardo Spyder – vor dem Erdbeben.

Echte Göttergabe

Phaeton hat Schuld. Der Sohn des Sonnengottes Helios kam doch einst auf die Schnapsidee, seinem Vater den Sonnenwagen zu klauen. Aber kaum in der Luft, verirrte Phaeton sich, wurde plötzlich geblendet von hellstem Licht und stürzte ab – mitten in die italienische Po-Ebene.

Chefgott Zeus hatte allerdings ein bisschen nachgeholfen: Er beendete mit einem Blitz Phaetons gerade erst begonnene Spritztour und verhinderte damit, dass der Sonnenwagen aus noch viel größerer Höhe auf die Erde krachte und sie auf diese Weise vernichtete. Fazit: Ohne Zeus keine Autos – erst recht keine italienischen. Mille grazie.

Immer einen Besuch wert: das großzügige Lamborghini-Museum

Der Blick in die wilde Welt der Götter zeigt uns, warum besonders in der Emilia Romagna die lokale Affinität zu allem, was rollt, grassiert. Hier liegt “terra di motori”, wie die Einwohner die Gegend selbst nennen, das “Land der Motoren”. Die Emilia Romagna umfasst gut 22.000 Quadratkilometer zwischen Piacenca und Rimini, Ravenna und Ferrara, auf denen sich im Laufe der Zeit mehr als 900 Firmen aus dem Automobilsektor niedergelassen haben; rund 190 Autoclubs und Rennteams; 13 öffentliche PS-Museen; elf private Autosammlungen; fünf Rennstrecken und Speedways und eine Menge von Designstudios. Nirgendwo auf der Welt finden sich auf so engem Raum ebenso viele verschiedene Motor-, Sportwagen- und Motorrad-Hersteller. Das gilt insbesondere für die rund 50 Kilometer zwischen Modena und Bologna – ein natürlich gewachsenes Disneyland für alle großen Kinder mit Benzin im Blut.

Immer eine Fahrt wert: Mit einem offenen Lambo über die Nebenstraßen der Emilia Romagna

Ob Rennwagen oder freigestellte Motoren, das Lambo-Museum bietet alles

Fotos und Zeichnungen an Stellwänden lassen die Historie von Lamborghini lebendig werden

Hier finden wir sie alle: Ferrari in Maranello, Lamborghini in St. AgataBolognese, das 55.000 Quadratmeter große Maserati-Werk in Modena, Pagani im Industriegebiet von San Cesario sul Panaro. Früher residierte in Modena auch noch De Tomaso, O.S.C.A., die Bugatti-Fabrik des Romano Artioli, Qvale (in dem Gebäude sitzt heute Maseratis Motorsportabteilung Corse) und der Rennstall ATS. B. Engineering baute in Campogalliano das Supercar Edonis, und bei Parma fertigt Gianpaolo Dallara noch heute Formel-3-Renner und Indy-Cars. Der große Zulieferer Magneti Marelli hat sich in Bologna niedergelassen. Und dann sind da noch die vielen Motorradhersteller: Malaguti (San Lazzaro di Savenna bei Bologna), Italjet (Castenaso bei Bologna), Moto Morini (Casallecchio die Reno) und natürlich Ducati in Bologna (Via Antonio Cavalieri Ducati 3). Was für eine Motormacht.

Die Spuren hinterlassen hat in Form von seltenen historischen Autos und vielen Klassikern. Zeit, sie aufzusuchen. Für unsere Rundfahrt zu den Museen und Sammlungen der Gegend bekommen wir von Lamborghini einen Gallardo Spyder und fangen natürlich im Lambo-Museum an. Das ist direkt beim Werk und für jeden tagsüber kostenlos zu besichtigen: Knapp 25 historische Lambos stehen ständig hier, darunter zwei Formel 1-Wagen, Prototypen und natürlich Kultautos wie 350 GT, Countach und Diablo – das Lambo-Museum ist wirklich eine göttliche Fügung…

In gewissen Abständen werden einige Exponate gegen andere ausgetauscht – dadurch wird es nie langweilig

Mit Glück sind auch Prototypen oder Entwicklungsfahrzeuge zu besichtigen

Wer schon in St. Agata ist, sollte sich auch den Marktplatz des kleinen Ortes nicht entgehen lassen

Wer Lambo sagt, muss auch Ferrari sagen

Ab nach Maranello. Das Ferrari-Werk kann nicht besichtigt werden (im Gegensatz zur Lamborghini-Fabrik), wohl aber das hiesige Ferrari-Museum namens “Galleria”. Pro Jahr staunen hier rund 200.000 Besucher. Seit dem 10. März punktet Ferrari mit einem zusätzlichen Museum namens “Museo Casa Enzo Ferrari”. Der 18 Millionen Euro teure Neubau wurde an Ferraris ehemaligem Wohnhaus errichtet. Auf 5.000 Quadratmetern präsentiert die Kultmarke ihre Geschichte sowie die Benzin-Historie der gesamten Terra di Motori.

Die Righini-Sammlung raubt einem den Atem: in Kellergewölben und anderen garagenähnlichen Räumen  stehen die feinsten, wildesten und seltensten Autos

Wie zum Beispiel die Nummer 66: Der allererste Ferrari, der tatsächlich nicht der Firma Ferrari selbst gehört

Nicht alle Sammlungsstücke sind uralt – und die meisten sehen so aus, als könnten sie sofort losfahren

In Righinis Katakomben stehen nicht nur Autos, sondern auch Motorräder, Fahrräder und diverse Maschinen aus vergangenen Epochen

Unsere Reise geht weiter über Nonantola mit ihrer berühmten Benediktiner-Abtei zur Via Emilia Est 756. Hier befindet sich die erste der beeindruckenden privaten Autosammlungen der Region, die Stanguellini-Kollektion. Einst selbst Hersteller von Sport- und Rennwagen, die er ab 1946 auf Fiats aufbaute, hat Vittorio Stanguellini die wichtigsten Exponate zusammengetragen. Wer das Kleinod sehen will, muss sich – wie bei den meisten Werks- und Museumsbesuchen – vorher anmelden. Das klappt allerdings oft nur über besondere Beziehungen.

Einfach ist es bei unserem nächsten Ziel – wenn man es findet. Wir suchen die Via Corletto Sud. Hier befindet sich ein riesiges Gut – mit Milchwirtschaft, Parmesanherstellung und einer einzigartigen Kollektion: Die Acienda Agricola Hombre hütet die bedeutendste Maserati-Sammlung. Sie gehört – wie das gesamte Gut – Umberto Panini, dem Sammelbildchen-König. Die Panini-Familie hat die Maseratis 1975 Alejandro de Tomaso abgekauft, der Maserati zu dem Zeitpunkt an Citroën veräußerte. Die Franzosen hatten kein Interesse an den 30 alten Wagen – Panini schlug zu. Heute komplettieren weitere Maserati und Autos anderer Marken die mehr als 40 Autos umfassende Sammlung. Ebenfalls sehenswert: die Phalanx eiserner historischer Traktoren vor dem Gebäude.

Reisepause im kleinen Ort Castelvetro: unbedingt ansehen und genießen

 

Im Panini-Museum kann man viel Zeit verbringen. Die meisten Exponate sind Maserati, aber auch andere Marken sind inzwischen hinzugekommen

Und dann schnell zurück zur Via Emilia, die uns nach Anzo führt. Dort parkt die wohl imposanteste Privatauto-Sammlung, die man sich vorstellen kann: Mario Righini hat rund 200 Autos – Schwerpunkt die ersten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts – in drei ehemaligen Pferdeställen in seinem Castellano Panzano zusammengetragen. Absolute Highlights: Ein Fiat Chiribiri (Rekordwagen mit Siebenliter-Motor), Mussolinis Kompressor-Alfa und der erste jemals gebaute Ferrari, damals noch unter der Bezeichnung Auto Avia Costruzione 815. Der ist tatsächlich nicht im Besitz von Ferrari. Doch die Righini-Sammlung zu sehen ist nicht einfach – die Zustimmung hängt manchmal von der Laune der Besitzer ab.

Wer Zeit hat, sollte auch einige Kirchen der Region besichtigen

Von einer Empore kann man Paninis Auto-Reichtum besonders gut übersehen

Das Gebäude des Panini-Museums ist einer Bahnhofshalle nachempfunden

Ein Abstecher in den Appenin zur Nigelli-Sammlung auf dem Monte S. Pietro ist besonders für Zweiradfans interessant: Hier stehen rund 300 Motorräder, darunter viele seltene Exemplare und Einzelstücke. Doch wir wenden uns einem anderen Zweiraderlebnis zu: Ducati.

Für Zweiradfahrer ein Anblick zum Schmelzen: alte Ducati-Renner in Reih und Glied

Ducati steht nicht nur für Zweiräder, sondern auch für Haushaltshelfer

Außengelände am Panini-Museum: Eldorado für Trecker-Fans

Bei Ducati bleibt niemand uninformiert: Zu den meisten Stücken gibt es Erklärungen

Interessant, aber nicht elegant: Rennanzug ohne Inhalt

Ducati – vor kurzem von Audi übernommen – sitzt in einem Vorort von Bologna in der Nähe des Flughafens. Die Ducati-Schrauber sind von ihrem Produkt überzeugt: Jeder zweite besitzt selbst so eine Maschine. Direkt neben dem Werk befindet sich das sehenswerte Ducati-Museum ausschließlich mit Produkten aus der Ducati-Anfangszeit (Rasierer, Kondensatoren, etc.) und eigenen Rennmaschinen. Sowohl Werk als auch Museum können kostenlos besichtigt werden.
In Bologna laden zwei öffentliche Museen zum weiteren Schwelgen in Benzinduft ein: Das Industriemuseum bietet auf drei Etagen einen Überblick über den Fortschritt der Technik im Raum Bologna, das Transportmuseum zeigt rund 30 historische Trams, Busse und viele historische Bilder und Dokumente.

Wer noch genug Atem hat, kann einen Ausflug nach Imola machen: Dort ist die berühmt-berüchtigte Formel-1-Rennstrecke, wo einst die Profis Roland Ratzenberger und Ayrton Senna starben. Und dort ist auch die Motorrad-Kollektion Battilani mit Maschinen von 1900 bis 1945. Viele Harleys und Freras, aber auch die erste Mancini von Zweiradstar Loris Capirossi sind zu bewundern.

Ob Fahrrad mit Hilfsmotor oder Lambo mit V10 – das ist Terra di Motori

Da schaut die Ferrari-Belegschaft: ein Lambo räubert vor ihrem Werkstor

Ein Designerstück von einst: restaurierter Ducati-Motor

Im Land der Motoren ist eine Weinprobe am Mittag durchaus üblich – man sollte dazu aber auch den Käse probieren

Da wird auch der Weg zum Ziel: Wer mit einem Lambo durch Terra di Motori brettert, muss sich vor Polizisten nicht fürchten

Wir genießen einen letzten Ritt auf der Via Emilia – die alte Hauptstraße ist der wichtigste Grund für das geschäftige Treiben in Sachen Tempo, Ideenreichtum und Freude an der Mechanik in dieser Gegend. Denn im Jahr 187 v. Chr. ordnete Senator Marcus Aemilius Lepidus den Bau der nach ihm benannten Via Emilia an – die Anschlussstraße der eben erst fertig gestellten Via Flaminia, die noch heute von Rimini in Richtung Norden führt. 189 v. Chr. wurde Bononia (Bologna) gegründet, nur sechs Jahre später Mutina (Modena). Und so wird die Via Emilia zur Aorta der späteren Region Emilia Romagna. Hier ist seit jeher alles im Fluss: römische Truppen, aber auch Abenteurer, Revolutionäre, Barbaren und Wanderer ließen die Straße ständig pulsieren. Wer hier wohnte, hatte sein Auskommen mit Reparaturen, Erfindungen, Beherbergung. Die Menschen wurden mit Improvisationen groß, hatten Ideen, die sie sofort verkaufen oder anwenden konnten, waren ständig mit Transportproblemen beschäftigt und kannten keine Pausen.

Ducati und Kirschen: Das alte Zweirad sieht so lecker aus wie das Obst der Region ist


Noch heute pulsiert hier das Leben – dank der ganz besonderen und historisch bedingten Gastfreundlichkeit und allem, was Räder hat.

Bilder: Löwisch, Lamborghini

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