Time Bandits – Mythos

Bei der “Le Mans Classic” trafen sich über 400 historische Fahrzeuge bei sengender Hitze zum Showdown

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32 Grad im Schatten, dort, wo überhaupt noch Schatten war, und 40 in gleißender Sonne, musste es schon einen ganzen Sack voll guter Gründe geben, irgendetwas anderes zu unternehmen, als sich ins nächste Schwimmbad zu retten. Die Stadt Amiens beispielsweise, im Nordosten Frankreichs, hatte am zweiten Juli-Wochenende gleich so viel Mitleid mit ihren daheim gebliebenen Bürgern, dass sie mitten im Zentrum einen Sandstrand mit Schwimmbecken aufbaute.

Rund 300 Kilometer südwestlich davon, wo du beinahe vor lauter Hitze auf dem Parkplatz dein Auto nicht mehr gefunden hättest, keimte unter drei vor sich hin trocknenden Nadelbäumen hinter den Boxen dann doch einmal die Frage auf, was eigentlich diesen Mythos “Le Mans” ausmacht.

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Warum waren zigtausend Teilnehmer und Fans aus aller Welt bereit, sich hier vier Tage lang beim “Le Mans Classic” die Seele aus dem Leib zu schwitzen? Wieso zwängte sich dann noch jemand im dicken Overall unter die Plexiglas-Kuppel eines geschlossenen Cockpits, in dem er sich nur noch mit Gasstößen zum Aufwärmen des Motors abreagieren konnte? Und wieso zahlte man so bereitwillig wie sonst kaum irgendwo für zwei Kochschinken-Brote, genannt “Baguettine Jambon”, und zwei Fläschchen Cola – 15 Euro und 20 Cent?

Aber: Schon das Bewusstsein, dass die berühmten 24 Stunden von Le Mans das älteste Langstreckenrennen der Welt sind, das immer noch am selben Schauplatz ausgetragen wird, verleiht diesem Ort einfach ein gewisses Flair. Es gab Zeiten, in denen die Automobilhersteller den Le Mans-Sieg als wichtiger erachteten als den Gewinn der ganzen Markenweltmeisterschaft. Unzählige Anekdoten ranken sich um diese gewaltige Materialschlacht, wie sie nur dieser ganz spezielle Wettbewerb produzieren konnte. Es sind die Vorstellungen davon und die dazugehörigen Bilder – Le Mans war eben oft auch die Härte an sich. Das sind solche Bilder: 1952 versuchte der bis zur Leichtsinnigkeit tapfere Franzose Pierre Levegh hinter dem Lenkrad seines 4,5-Liter-Talbot-Sportwagens im Kampf um den Gesamtsieg gegen die Mercedes 300 SL-Teams ohne Fahrerwechsel durchzukommen, bis er hundemüde nach rund 23 Stunden und einem Schaltfehler den Motor überdrehte – was für ein trauriger Held! Ein Jahr darauf wurde vom Veranstalter die Meldung eines Werks-Jaguar C-Type für Duncan Hamilton und A.P. Rolt nicht akzeptiert – kurzentschlossen brachen die beiden zu einer Kneipen-Tour auf. Am Renn-Morgen fand sie Jaguar-Rennleiter Lofty England auf einem Bürgersteig und eröffnete ihnen, sie könnten doch starten. Weder Hamilton noch Rolt sahen sich zum klassischen Le Mans-Start imstande. Der eine erklärte, er würde nach dem Sprint über die Zielgerade nicht das richtige Auto finden, der andere, er könne überhaupt nicht mehr laufen. Das waren die beiden, die im Rennen dem Teufel die Ohren abfuhren – und sie gewannen Le Mans 1953!

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“UND PLÖTZLICH WURDE ES GANZ STILL IM COCKPIT…”
Die “Hunaudieres”: Lange Zeit war die zur Rennzeit gesperrte Nationalstraße die längste Gerade im Motorsport-Kalender, buckelig, vom Lkw-Verkehr in der Woche malträtiert, jenseits von 300 km/h saugefährlich. Manchmal schien es, als würden die Rennwagen abheben. Als das erste Gruppe C-Auto an ihrem Ende mehr als 400 km/h erreichte, wurde sie durch zwei Schikanen verlangsamt. “Ich fuhr ganz bewusst in der Mitte der Straße, die immer schmaler wurde”, schilderte Rolf Stommelen schon 1969 seine ersten Eindrücke mit dem frühen Porsche 917 dort. “Und plötzlich wurde es ganz still im Cockpit…”

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Zwar ist kaum etwas davon so wiederbringlich. Aber manchmal reichen schon bestimmte Motorgeräusche, Formen, Farbgebungen für eine Spur von Wiederbelebung. Und in dieser Beziehung war es den Veranstaltern der bereits fünften Auflage des “Le Mans Classic” seit 2002 erneut ganz trefflich gelungen, gehörig an der Zeitmaschine zu drehen. Fast noch beeindruckender als die andernorts unerreichte und wohl auch unerreichbare Zahl von mehr als 460 Sportwagen, Rennsportwagen, Prototypen, Granturismos und Gruppe 5-Fahrzeugen aus den Le Mans-Jahren 1923 bis 1979 (nach Epochen aufgeteilt in sechs Starterfelder “Grid 1” bis “Grid 6”) war die Entdeckungsreise durch die Zelte des Fahrerlagers. Hier war ein Le Mans-Klassiker nach dem anderen so rennfertig aufgereiht, als wäre seine Zeit erst gestern gewesen. Manche Rarität ward kaum je zuvor irgendwo wiedergesehen, durch die Bank sündhaft teure Autos mit echter Renn-Historie, eigentlich zu schade dafür, um damit noch Rennen zu fahren, und dann doch wieder zu schade, es nicht zu tun.

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Wie auch immer, der Schweizer Jean-Marc Luco drehte jedenfalls auf seinem Porsche 936 mit mehr als 193 km/h Schnitt die schnellste Trainingsrunde des Wochenendes in 4.12.965 Minuten – und er mag sein Auto bestimmt. Einmal berücksichtigt, dass die beiden 1990 in die “Hunaudieres” eingebauten Schikanen etwa 15 bis 20 Sekunden pro Runde gegenüber der Zeit davor kosten, hätte er sich mit einer theoretischen Rundenzeit von unter vier Minuten in einem Le Mans-Rennen Ende der Siebziger durchaus blicken lassen können. Auch seine direkten Verfolger im Starterfeld “Grid 6” (1972 bis 1979), die Franzosen Michel Quiniou mit dem Lola T 280-Ford Cosworth (4.17.517) und Ludovic Caron, Letzterer schon im schnellsten Zweiliter, einem Chevron B 21 (4.18.315), waren durchaus mit ernsthaften Ambitionen unterwegs. Luco setzte sogar noch eins drauf, indem er auch im “Grid 5” (1966 bis 1971) die Pole Position besetzte, diesmal mit einem 71er Ligier JS 3-Ford Cosworth (4.14.842). Hier schlug er den Ferrari 512 S des Teams Carlos Monteverde/Gary Pearson/Thomas Erdos (4.22.567) und den Chevron B 16 des bekannt schnellen Le Mans-Routiniers und CER-Spezialisten John Sheldon (4.25.273) deutlich. Ziemlich genau 40 Jahre nach dem ersten Porsche-Gesamtsieg in Le Mans erntete in dieser Szenerie insbesondere auch ein 71er “Gulf”-Porsche 917 große Aufmerksamkeit, den jener Le Mans-Sieger Richard Attwood (70) und der Ex-Porsche-Werksfahrer aus der Gruppe C-Ära und Le Mans-Sieger von 1983, der Australier Vern Schuppan (67), hier mit 4.27.481 auf den fünften Startplatz stellten.

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Bilder: Michael Thier

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