Tow Truck Driver – Im wilden Osten

Die Chefs von Oldschool Custom Works in Weinstadt: Christian Rühle (links) und Sönke Priebe

Die Chefs von Oldschool Custom Works in Weinstadt: Christian Rühle (links) und Sönke Priebe

Chevrolet Iraqibu – schon mal gehört? Nein? Das liegt wohl daran, dass der in Kanada gebaute Iraqibu zu den merkwürdigsten Chevrolet aller Zeiten gehört. In seiner obskuren Laufbahn kommen ein Diktator, etliche Kanadier, ein Krieg, eine staatliche Lotterie und ein Golfanrainerstaat vor. Eine Chevrolet-Geschichte zwischen Ölfeldern und Minaretten

1980: In der Republik Irak regiert der Alleinherrscher Saddam Hussein – und der hat alle Hände voll zu tun. Im Nachbarland Iran hat soeben eine Revolution stattgefunden, die zweite Ölkrise befindet sich in vollem Gange, neun von zwölf irakischen Divisionen stehen in Feindesland, Minderheiten und Mehrheiten befinden sich in Unruhe, und obendrein bedarf die nationale Taxiflotte der Erneuerung.

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Iraibu: Mit einem solchen GM Midsize sollte einst die gesamte irakische Taxiflotte ausgerüstet werden…

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…dieser hier ist allerdings ein deutsches Modell

Da der Irakische Herrscher zu jener Zeit noch beste Verbindungen nach Nordamerika unterhält, geht man auch dort einkaufen: Als neues irakisches Nationaltaxi wird der in Oshawa, Kanada, produzierte Chevrolet Malibu ausgewählt – und zwar in einer eher ungewöhnlichen Konfiguration. Die irakischen Einkäufer spezifizieren vier Türen, den 229cui-V6 (3.8 Liter, 110 PS) und ein Dreigang-Schaltgetriebe, dazu Taxi-Interieur, Heavy-Duty-Fahrwerk, Klimaanlage und Stahlfelgen mit „Dog Dish“-Nabenkappen.
25.000 Stück davon bestellt der Irak – schließlich geht es hier um die nationale Taxiflotte. Um die immense Bedeutung dieses Deals zu verstehen, muss man sich kurz vor Augen halten, dass der Basispreis eines viertürigen Malibu mit V6 im Modelljahr 1981 in den USA bei knapp 7000 Dollar lag. Multipliziert mit 25.000 ergibt sich daraus einen Summe von 175 Millionen Dollar – zu einem Zeitpunkt, an dem GM soeben mit 763 Millionen Dollar Verlust sein schlechtestes Jahresergebnis in der Geschichte des Konzerns eingefahren hat. Niemand weiß genau, welche Rabatte der Konzern den irakischen Großkunden einräumt, aber Tatsache ist: Nur knapp 13.000 Malibu liefert GM Kanada tatsächlich in den Golfstaat. Denn der zahlt plötzlich nicht mehr. Angeblich verweigert der Irak die Annahme weiterer Fahrzeuge wegen Problemen mit der speziellen Dreigang-Floorshifter-Kombination der Taxis – aber man muss kein Genie sein, um eine Parallele mit der zeitgleichen blutigen Wendung des Iran-Irak-Krieges zu erkennen. Das Geld für die nationale Taxiflotte fließt jetzt in die nationale Panzerarmee. Dummerweise hat GM die restlichen 12.000 „Irak-Taxis“ aber schon fertig produziert und sogar schon teilweise verladen. 12.000 Autos wohlgemerkt, die in ihrer Irak-spezifischen Konfiguration in Nordamerika so gut wie unverkäuflich sind.

Am Ende eines langen finanziellen Dramas verschleudert GM Kanada einen Großteil der Irak-Taxis mit erheblichen Rabatten, einen anderen Teil soll die kanadische Regierung gekauft und unter allen Kanadiern verlost haben. Wie dem auch sei – die Wüsten-Malibus erlangen so etwas wie lokalen Kultstatus. „Iraqibu“ nennen die Kanadier die merkwürdigen Sechszylinder, und auch 2014, 33 Jahre nach dem Dilemma, tauchen sie unter dem Suchbegriff „Iraq Taxi“ noch hin und wieder in kanadischen Online-Börsen auf.

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Eingewandert: Dieser 1964er Impala kam mit mehr als 40 Jahren als Alltagsauto…

am1214_oscw-03 …aus der Türkei nach Deutschland, wo er immer noch gut genug für TÜV und H war

Das Bemerkenswerte daran: Ungewöhnlich sind Chevrolet-Taxis in keinem der beiden Länder. Ganz im Gegenteil. Ungeachtet jüngster politischer Entwicklungen erfreut sich Chevrolet in nahezu allen Golfanrainerstaaten und auch im sonstigen nahen Osten einer erheblichen Beliebtheit. Sie können das selber ausprobieren: Alles, was Sie brauchen, ist ein Chevrolet Impala aus den Sechzigern und eine lokale türkische Kultur- oder Gaststätte, deren Publikum einen Altersdurchschnitt von 60+ erfüllt. Fahren Sie mit ihrem Impala dort vor und Sie werden eine Reaktion auf ihr Fahrzeug erleben, die Sie in dieser Altersklasse wahrscheinlich höchstens in den USA erwartet hätten. Der Impala, meist als Reihensechszylinder, spielt in der automobilen Erinnerung der Türkei eine ähnliche Rolle wie hierzulande der VW Käfer: Jeder hatte einen, oder kann zumindest eine Geschichte über einen erzählen. So manchem türkischen Großvater zaubern die Chevy-Fullsizes ein breites Lächeln ins Gesicht, und auch wenn Sprachbarrieren bestehen – „Ankara Taxi“ ist international verständlich.

Eigentlich gar nicht überraschend, wenn man darüber nachdenkt. Fullsize-Chevys waren von jeher große, haltbare, genügsame, einfach zu reparierende Automobile, ideal geeignet für das nicht unbedingt autofreundliche Klima des Nahen Ostens, und noch besser geeignet für die auch heute noch teils wilden Straßenverhältnisse und geringe Werkstattdichte der Region. Das war in der Ankara-Taxi-Ära genau so wie zur Zeit der Iraqibus. Man könnte annehmen, dass der boomende Reichtum der Golfanrainer seit den Achtzigern und der derzeitig in der westlichen Welt vorherrschende Argwohn gegenüber der östlichen Kultur zum langsamen Aussterben der nordamerikanischen Fahrzeuge am Golf geführt hätte, aber mitnichten. Zwar sind europäische Premiumhersteller heute ebenfalls stark in den Öl fördernden Staaten vertreten, die Liebe der arabischen Welt zu „Amerikanern“ aber hält an.

In den Neunzigern war der Markt insbesondere um Saudi-Arabien und die arabischen Emirate so stark, das Chevrolet spezielle Modelle ausschließlich für diesen Markt produzierte – den Caprice LTZ zum Beispiel, der in Nordamerika 1993 eingestellt wurde, war als „Mid East“-Version bis zum Ende der Fullsize-Baureihe 1996 erhältlich.

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Ankara Taxi: Die Vorgeschichte dieses 55er Chevrolet Bel Air Sedan ist nicht restlos geklärt…

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…Herkunft, Ausstattung und Türenzahl passen aber zum klassischen türkischen Taxi

Und nicht nur das: GM hat die „Marketingregion“ Mid East auch mit Fahrzeugen beliefert, die es in Nordamerika so nie zu kaufen gab – etwa den von 1994 bis 1996 produzierten Caprice SS, eine Supersportvariante des amerikanischen Fullsize-Klassikers, ohne Katalysatoren, für verbleites Benzin. In einem einzigen Jahr hat GM alleine davon 6000 Stück verkauft. Zum Vergleich: Die spezielle Caprice-Variante für den zweitwichtigsten Exportmarkt, Deutschland und Skandinavien, brachte es auf 117 Stück in einem Jahr.

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Im ganz, ganz nahen Osten, wo Sprache, Kultur und Lebensweise sich völlig von unserer unterscheiden, wurde ebenfalls Chevrolet gefahren…

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…und teilweise sogar produziert: Dieser 1962er Chevy Impala stammt aus der Schweiz

Besser noch: Die gefeierte Rückkehr von Chevrolet in die Fullsize-Klasse, 2011 mit dem Caprice PPV in Nordamerika vollzogen, hat im Nahen Osten schon 2007 stattgefunden – vier Jahre vor dem Mutterland des Fullsize-Fahrens. Und es sind nicht nur die Wohlhabenden, die sich den Luxus nagelneuer US-Importe gönnen: Als die amerikanische Armee während des dritten Golfkriegs unauffällige „Mission Cars“ benötigte, mit denen man sich unbemerkt unter die lokalen Autofahrer mischen konnte, fiel die Wahl auf die Chevrolet Caprice Police Package-Version aus den Neunzigern. Der Wagen war nicht nur schnell und haltbar, sondern auch so alltäglicher Bestandteil des irakischen Straßenbildes, das er keine Aufmerksamkeit auf sich zog.

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So nicht: Dieses 1959er Impala Cabrio ist einem wilden Gebirgsstamm in die Hände gefallen…

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…der es zum Karnevals-Umzugswagen umgebaut hat. Österreich ist ein gefährliches Land für Amerikaner

Chevrolet ist zwar klar die Lieblingsmarke der arabischen Welt, aber auch andere US-Modelle erfreuen sich rund um den persischen Golf einer bemerkenswerten Beliebtheit – Fords Crown Victoria und Mercurys Grand Marquis zum Beispiel. Fast zwei Drittel der Gebrauchtwagenbestände dieser Modelle, so schätzen amerikanische Händler, werden nach Ende ihres Neuwagendaseins in den Mittleren Osten exportiert. Die letzte Leiterrahmen-Limousine der westlichen Welt, mit unzerstörbarem Fahrwerk, V8 und leistungsstarker Klimaanlage ab Werk ist bestens geeignet für die automobilen Bedürfnisse der Region. Und nicht nur gebrauchte Fullsizes werden nach Osten verschifft: Der allerletzte jemals in den USA produzierte Body-on-Frame-Pkw, gleichzeitig Fords allerletzter produzierter V8-Pkw nach 79 Jahren V8-Produktion (ein weißer Ford Crown Victoria des Modelljahrs 2011) wurde vom Fließband aus direkt an einen Kunden in Saudi-Arabien geliefert.

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200 km/h, zum ersten: Dieser Impala SS ist ein rares Exportmodell, ausgeliefert im Jahre 1964 – nach Stuttgart

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200 km/h, zum zweiten: Dieses Impala Cabrio war ebenfalls für den Export bestimmt

Und falls diese Autos alle zu neu für sie sind – auch richtiges Detroit Iron wird am Golf gefahren. Etliche HEMI ‚Cudas, HEMI Challenger und HEMI Charger aus den Jahren der Muscle Car Wars nennt ein arabischer Herrscher sein Eigen – und nicht aus Prestigegründen, denn offiziell wird diese Sammlung von niemand erwähnt. Hin und wieder bekommen wir Besuch von seinen Technikern, meist wenn diese in Stuttgart „offizielle“ Autos kaufen – diese Männer sind Hardcore-Gearheads, Benzintrinker, fanatische Mopar-Fans, mit denen man stundenlang über Muscle Cars diskutieren kann, während die Leibwächter und der gepanzerte Maybach draußen warten.

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In den Neunzigern hatte GM für das Deutschland/Skandinavien-Modell (nicht Europa-Modell!) der Fullsize-Klasse gerade einmal eigene Blinker mit gelben Kammern…

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…während die „Marketing Region Mid-East“ komplett eigene Fahrzeuge bekam. Dieser vermeintliche westliche Impala SS…

Leider haben die politischen und religiösen Spannungen der letzten Jahre, real oder eingebildet, nicht gerade zum Ausbau der Muscle-Car-Beziehungen zwischen Abend- und Morgenland beigetragen. Zu viele junge Männer mit offenen Ohren für Propaganda und zu wenig Zugang zu amerikanischen Motoren beiderseits des Atlantiks und beiderseits des Mittelmeers möchten in der jeweils anderen, oder allen anderen, oder einfach nur einer wahllos ausgesuchten Nation lieber den Todfeind sehen, als Gemeinsamkeiten auszumachen.

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…ist tatsächlich ein östlicher Caprice SS, stärker, schneller, lauter – und ausschließlich im Nahen Osten erhältlich

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Okay, kein V-Motor, aber einer der wichtigsten Exportmotoren überhaupt: Chevrolets Inline Six

Sicherlich werden die meisten Menschen in Ost und West nicht in der Lage sein, Jahrtausende alte Kulturunterschiede über eine Hand voll Motoren zu vergessen, und für diese Menschen kann ich nichts tun – aber jeder, der an Hubraum glaubt, ist mir willkommen. Egal ob Weiß, Schwarz, Rot, Gelb oder meinetwegen auch Grün, egal zu welchem Gott er betet oder welche Sprache er spricht. V-Motoren klingen überall auf der Welt gleich.

Ich werde mir von niemand aus politischen Gründen Grenzen dafür diktieren lassen.

Fotos: OSCW

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