VW Karmann Ghia 1967 – Ladykracher im Frauenkäfer

Wer in den 50ern und 60ern einen roten Karmann Ghia fuhr, hatte meistens Geschmack und Brüste.  Männer setzten sich nur selten hinein, der schick gekleidete Käfer war verbindlich ein Frauenschwarm. Heute leiht sich Pia den kleinen Roten von ihrer Mutter und fährt mit Mira raus aufs Land – oben ohne.  Mal hören, ob der Held von damals heute auch ohne Bluetooth und Ambient-Lounge-Beleuchtung  die Herzen der Mädels höher schlagen lässt

Mira steht etwas erschrocken vor der geöffneten Heckklappe des dachlosen roten Autos. Mira wollte die Tasche mit ihrem Laptop und dem Handy in den Kofferraum werfen, und jetzt liegt hier schon ganz viel Kram drin. Sieht fast aus wie ein Motor, Platz ist da gar nicht mehr. Pia lacht und führt die Oberstufenschülerin nach vorn, da, wo bei diesem Auto der Kofferraum ist. Wie bei einem Käfer auch. Oder bei einem Porsche. Oh. Mira hatte schon davon gehört, aber noch keinen gesehen. Sie guckt sich leicht errötend um und legt ihre Sachen in den Kofferraum, also nach vorn, obwohl da auch nicht viel mehr Platz ist als hinten beim Motor. Die beiden jungen Mädchen steigen in den Wagen.

Eigentlich gehört der rote Sonnyboy Pias Mama Brigitte. Sie erlag dem Zauber eines Karmann Ghia Cabrios erst spät, genau genommen vor acht Jahren. Angesteckt von der Oldtimerei ihres Mannes wollte sie auch endlich einen Klassiker fahren. Und weil weder ihre Eltern noch sie damals einen Karmann bezahlen konnten oder wollten, war es nun an der Zeit für die Erfüllung eines späten Wunsches. Was für eine vollendete Form, was für wunderschöne Rundungen. Der Erstbesitz eines älteren Apothekerehepaares aus Köln war dem Zweitbesitzer nicht schnell genug. Zu wenig Sportwagen. Also gab er ihn in die Hände der 49-jährigen Einkäuferin aus Norddeutschland, die ihn heute ihrer Tochter für den Ausflug überlässt. Ein Hauch von Fernweh?

Auferstanden aus Ruinen hatte man in den 50er-Jahren eindeutig Fernweh. Man träumte von den Stränden Italiens oder der Côte d‘Azur, strandete aber meist mit dem Goggo im Schwarzwald oder mit dem Buckeltaunus in Österreich. Da kam 1955 dieser maßgeschneiderte Volkswagen gerade recht. Im Herzen ein Käfer, robust und zuverlässig, im Auftritt ein rassiger Italiener im Maßanzug. Die offizielle Kooperation von Karmann in Osnabrück mit der italienischen Designschmiede Ghia zauberte einen nicht mehr unerfüllbaren Traum auf die Wunschlisten der Ehefrauen, wenn den gut verdienenden Männern ein Porsche 356 zu teuer war. Der Karmann Ghia war der Hausfrauen-Ferrari und der Sekretärinnen-Porsche und gehörte trotzdem zur Familie, weil er den kumpelhaften Charakter des VW Käfer besaß. Nur eben viel schicker, also mehr Schein als Sein, aber das war schon okay.

Mit den anfänglichen 30 PS aus dem luftgekühlten Boxer ließen sich wahrhaftig keine Rennen gewinnen, wohl aber die anerkennenden Blicke der Nachbarn. Die Leistung stieg mit den Jahren bis auf dramatische 50 PS, was aber noch immer keinen Sportwagen aus dem Beau machte. Egal. Für seinen Sonderstatus verkaufte sich das Coupé sehr gut, ab den 60ern verließen jedes Jahr rund 30.000 Fahrzeuge die Produktionshallen. Von 1955 bis 1974 verkaufte Volkswagen rund 440.000 Karmann, mehr als die Hälfte davon in die USA. Das klingt viel, vom Käfer wurden allerdings bekannterweise mehr als 21 Millionen Stück gebaut.

Vor dem Karmann hatte Mutter Brigitte schon diverse Autos. Ihr erster Ford Fiesta ist buchstäblich unter dem Hintern weggerostet. Eine sportliche Affäre mit einem Golf 1 GTI wurde durch einen Golf III und später durch einen Skoda Octavia ersetzt. Alles Autos, die okay waren, aber nicht schön. Und das bügelte das rote Cabrio wieder aus. Da der Gatte gern mal alles vorsorglich tauscht, was verschleißen könnte, bekam der offene Krabbler neue Kerzen, Kabel und Unterbrecher, die Benzinpumpe und den Anlasser überholte er selbst. Außer einer defekten Lichtmaschine gab es keine Beschwerden in den acht Jahren. Er ist im Herzen eben ein Käfer, der läuft und läuft und läuft.

Mira und Pia steht das offene Auto gut. Beide haben sich ein bisschen zurecht gemacht, schließlich geht es nicht in einer Alltagskarre zur Schule oder zur Arbeit. Karmann fahren ist ein bisschen so wie eine Langspielplatte auflegen. Man tut es bewusst, man nimmt sich Zeit und man genießt es. Papa Martin winkt den beiden leicht besorgt nach. Sie werden so schnell erwachsen. Die Szene erinnert ein wenig an Thelma und Louise, aber bevor man über den Film nachdenken kann sind die Mädels schon auf der Landstraße und singen gemeinsam fröhliche Lieder gegen den Wind.

Ein Radio hat das kleine Auto nicht. Warum auch? Der Motor schnattert aus dem Heck vertrauenerweckend, aber echt laut, und spätestens wenn das Dach offen ist, würde man potenzielle Musik aus dem Monolautsprecher nicht mehr hören. Will man aber auch nicht, dieser Mix aus der Natur, dem Wind und dem Vierzylinder-Boxer ist schon Symphonie genug. Pia lenkt souverän an dem dünnen Bakelit-lenkrad mit dem großen Hupring, während Mira auf ihrem bequemen Sitz hockt und den Wind in ihren Haaren spielen lässt. Im Verkehr schwimmt der Karmann gut mit, viel mehr als 100 Stundenkilometer sind nicht drin. Die fühlen sich dann aufgrund der Geräusche an wie 150. Egal, es macht einen Heidenspaß. Mit so einem Auto mal bei der Schule vorfahren, das wär‘s, nicht mit einem Aygo oder Getz. Ob ihre Mitschülerinnen den Karmann erkennen würden? Neulich stand eine Freundin verzweifelt vor einem Wählscheibentelefon und hatte keine Ahnung, wie man das bedient…

Die kleine Pause auf einem Feldweg nutzen die beiden für einen kurzen Check _ jetzt weiß auch Mira, dass der Motor hinten ist. Pias Papa hat den beiden extra die Pink Toolbox eingepackt, und mit fachmännischen Handgriffen prüft Pia mit rosa Zange und rosa Engländer die Spannung des Keilriemens und den festen Sitz der elektrischen Verbindungen, während Mira im toolboxinternen Schminkspiegel ihr Make-up checkt. Passt. Nein, sie seien nicht liegengeblieben, versichern sie einem älteren Herren, der schwärmend um den Volkswagen herumschleicht. So einen hatte seine Frau auch mal, sagt er. Tatsächlich ist das beherrschende Thema aller um einen Karmann Ghia herumstehenden Menschen die Tatsache, dass man selbst, die Eltern, die Tanten und die Nachbarn auch so einen hatten. Das kollektive Erinnerungsvermögen der Deutschen belegt, dass anscheinend jeder mal einen hatte. In Wahrheit haben also mehr Karmann als Käfer die Werkshallen verlassen. Wer hätte das gedacht?

Auf dem Rückweg holen sich Mira und Pia in der kleinen Eisdiele noch jede einen Milchshake Frappé. Beide nehmen Erdbeere, passt zum Auto. Die kleine Tour hatte kein konkretes Ziel. Genau wie das Anhören einer Langspielplatte keinen weiteren Nutzen als den Genuss von Musik beinhaltet, haben die beiden dieses Auto genutzt, um es einmal zu fahren. Mehr nicht. Nach gut zwei Stunden steht das Cabrio wieder, sonor vor sich hin schrabbelnd, vor der heimischen Garage. Morgen muss Mira wieder zur Schule und Pia zu ihrem Ausbildungsplatz. Morgen hat die beiden der Alltag wieder. Aber heute haben wir gesehen, dass der Beau aus Osnabrück es noch immer kann. Vielleicht weckt er bei jungen Menschen in diesem Jahrtausend keine Assoziationen an Italien mehr, sondern eher ein Knuddelbedürfnis – aber er macht so viel Spaß wie damals, 1955. Und diese Freude ist zeitlos. So etwas verstehen wohl nur Menschen, die mal ein anderes Auto als ihren effizienten Alltags-Neuwagen gefahren sind. Also Sie. Und ich. Und ab heute auch Pia und Mira.

VW Karmann Ghia Cabriolet
Baujahr: 1967
Motor: Vierzylinder Boxer
Hubraum: 1.493 cm3
Leistung: 32 kW (44 PS) / 4.000/min
Max. Drehmoment: 100 Nm bei 2.000/min
Getriebe: Halbautomatik, 3 Fahrstufen
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 4.140/1.700/1.280 mm
Gewicht: 1.130 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 28 s
Top-Speed: 130 km/h
Wert: ca 26.000 Euro
Neupreis 1967: 7.995 DM

Text und Fotos: Jens Tanz

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