Zu Gast bei Magnus Walker in L.A.

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Eine der schillerndsten Figuren im großen Porsche-Universum ist ein in Amerika lebender Engländer mit Dreadlocks bis zum verlängerten Rücken: Magnus Walker. Der moderne Hippie hat es mit seiner 911er-Sammlung bereits bis zum Werbestar für Porsche gebracht. TRÄUME WAGEN Herausgeber Marco Wendlandt folgte der Einladung von Magnus Walker in sein Loft in Downtown L.A.

Der Mann ist einfach überall. Im englischen Goodwood parliert er mit den alten Renn-Recken, im amerikanischen Pebble Beach diskutiert er mit den Schiedsrichtern. Kein wichtiges und unwichtiges Autoblatt, das sich noch nicht in irgendeiner Weise mit ihm beschäftigt hat. Er ist in allen Porsche-Foren Thema Nummer 1. Seine Facebookseite hat fast 100.000 Likes. Und sogar Porsche selbst wirbt mit ihm: Magnus Walker. Beruf: Lebenskünstler.

Was nicht ganz stimmt. Denn vor seinem „Job“ als Verwalter und Fahrer seiner mehr als zwei Dutzend klassischen Porsche, hatte der Mann eine feine Nase dafür, wie man schnell und legal zu Geld kommt. Als autobegeisterter Bube schreibt er einst nach Stuttgart, er möchte gerne bei Porsche Designer werden. Die Antwort: Er solle sich wieder melden, wenn er alt genug sei. Da hat er allerdings erstmal anderes im Kopf: 
Mit 19 Jahren packt er seine Sachen und zieht von Sheffield nach Detroit. 
Da hält es ihn aber nicht lange, er wechselt nach Los Angeles. Nicht zuletzt deshalb, weil die Stadt der Engel auch die Stadt des Rock ´n´ Roll ist. An der Strandpromenade von Venice Beach beginnt Walker, selbstdesignte Strickmützen, T-Shirts und alte Jeans zu verkaufen. Von Hippie zu Hippie.

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Walker´s Loft in L.A. Einst liebevoll in Eigenregie restauriert, ist es längst ein gut dotierter Drehort für Studioproduktionen von Musikvideos, Promotion Clips und Fernsehserien von Missy Elliot bis CSI und NYPD

 

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Mekka für Porsche aus den 60ern und 70ern, Mode, Kunst und Kitsch: In den riesigen Industriehallen des Walker-Imperiums haben handsignierte Gitarren von  Keith Richards ihren Platz neben Postern von Alice Cooper, Black Sabbath und Led Zeppelin

 

Bald darauf findet Walker ein Mädel, das seine Interessen teilt. Zusammen werden Karen und Magnus zur Nr.1 in der Hard-Rock-Bekleidungs-Szene. Ausgerechnet „Serious Clothing“ nennt sich das Label, und bald ist jeder wichtige Heavy-Metal-Star damit bekleidet. Damit nicht genug: Mit seinem erarbeiteten Geld kauft Walker eine Industriehalle in einem heruntergekommenen Teil L.A.´s und einen gebrauchten Porsche 911.

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In den heiligen Hallen lagern ausreichend Teile für weitere Porsche, egal ob Motorgehäuse, Hinterachsschwinge, Sitze oder Felgen: in puncto Ersatzteilversorgung überlässt Magnus nichts dem Zufall

 

Die Industriehalle entpuppt sich als Goldgrube. Reality-TV ist gerade erfunden, und alle Studios suchen Räumlichkeiten, in denen man 20 Mitbürger zusammengepfercht 24 Stunden lang und sieben Tage die Woche filmen kann. Die Hollywoodstudios mieten solche Locations lieber anstatt sie zu besitzen, selbst wenn die Miete am Ende höher ist als es der Kaufpreis gewesen wäre. Gut für Walker, der bald in der Lage ist, zusätzliche Gebäude zu kaufen und wieder zu vermieten. Und der 1994 auf die Idee kommt, von der ersten Generation Porsche 911 aus jedem Baujahr einen zu besitzen.

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Für solche Spleens ist Los Angeles ein ideales Pflaster. In den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden rund Dreiviertel der gesamten Porsche-Produktion nach Amerika exportiert, von diesen Fahrzeugen fanden wiederum 75 Prozent den Weg nach Süd-Kalifornien. Hier in Los Angeles fand Porsche die gesamte Bandbreite von interessierten Käufern – vom Rockstar bis zum NASA-Ingenieur, vom Makler bis zum Kokain-Dealer.

In den 90er Jahren ließen Rezession und Pessimismus die bunten, ­spaßigen Jahrzehnte vergessen. Für den typischen Porsche-Fahrer bedeutete es eine Abkehr von wilden Lackierungen, Tuning-Accessoires und allem anderen, was nicht aus Zuffenhausen kam. Porsche-Shows wurden mit harter Hand vom Porsche Club America regiert. Bei Veteranen-Rennen war Vorgabe, dass alles original sein musste. Einigen Porsche-356-Enthusiasten war das zu spießig, sie verweigerten die Teilnahme an den offiziellen Rennen und gründeten die Club-Race-Szene.

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Das durften vor ihm nicht viele: Autotausch mit Magnus. Zwei Stunden lang sollte Marco auf einer sehr schnellen Sightseeing-Tour mit dem 71er 911 T von Magnus durch L.A. donnern und war begeistert von der Performance des luftgekühlten Klassikers. Der Porsche-Hotrod mit der Nr. 277 ist  in L.A. mindestens genauso bekannt wie sein bärtigerBesitzer

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Die Freigeister mieteten sich Rennstrecken und ließen es richtig krachen. Das Establishment hatte auch gleich den passen Ausdruck für diese Spaßsucher parat: „Outlaws“. (In San Francisco entwickelte sich übrigens gleichzeitig eine andere Outlaw-Szene. Inspiriert vom “Donauwellen”-Carrera aus dem Jahr 1973 bauten diese Enthusiasten Pre‘73-Porsche als ultimative Straßenwaffen um. Ein Rennfahrwerk, ein großer Tank, ein Shiftkit und große Bremsen waren notwendig, um Mitglied der “Renn-Gruppe” zu werden.)

Fasziniert von dieser Szene beginnt Magnus Walker, als „Outlaw“ Porsche 911 zu kaufen.
Für seine Projekt-Autos gibt er zunächst zwischen 5.000 und 15.000 Dollar aus, restauriert sie nach eigenem Geschmack und fährt fast täglich mit ihnen durch die Straßen von L.A. Oder auch auf Rennstrecken: Walker ist inzwischen ein anerkannter Oldtimer-Rennpilot.

Heute kann er es sich leisten, gleichzeitig sein Hippie-Outfit zu pflegen: Auf seine Dreadlocks wäre selbst Bob Marley neidisch gewesen, sein Zottelbart ist länger als der von Miraculix, und seine zerrissenen Jeans sehen aus, als wäre sie mehrmals unter eine Blechpresse geraten.

Er ist wahrlich nicht der typische Porsche-Fahrer, aber eindeutig ein typischer Porsche-Enthusiast. Was zeigt, dass ein 911 und seine Schöpfer stark genug sind für solche extremen 
Outlaws und Anti-Helden…

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Interview

Marco: Du bist eigentlich überall anzutreffen, wo es alte Autos gibt. Sogar auf der Techno Classica in Essen. Wie gefiel Dir die Messe?

Magnus: Eine Reise nach Deutschland ist immer etwas Besonderes. Erst recht, wenn man eine der schönsten Klassiker-Messen besuchen darf. Ich habe mich gefreut, dass ich als Gast auf dem Porsche-Stand eingeladen wurde. Ich hatte dort tolle Gespräche mit vielen Porsche-Enthusiasten unterschiedlichster Couleur. Es ist wirklich beeindruckend, wie viel Leidenschaft in dieser Essener Messe steckt. Und das gilt nicht nur für Porsche, sondern auch für viele andere Marken. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

Marco: Welche Autos sind Dir besonders aufgefallen?

Magnus: Sehr beeindruckend waren der 1.200 PS starke 917/30 Spyder von 1973 oder der LeMans-Porsche 962C, und natürlich der Porsche 917 von 1969. Ein besonders schönes Exemplar ist der private 930 Turbo von Ferdinand  Piëch. Der Turbo von 1977 war meine erste Begegnung  mit Porsche auf einer Autoshow in England und zugleich Auslöser für meine Leidenschaft für den 911. Doch auch andere historische Straßen- sowie Motorsportfahrzeuge waren interessant. Aufgefallen sind mir auch amerikanische Klassiker in sehr gutem Zustand. Auf der Techno Classica gibt es immer jede Menge schöne, skurrile und seltene Fahrzeuge zu sehen.

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Marco: Mustang feiert dieses Jahr sein fünfzigjähriges Jubiläum. Welche Beziehung hast Du zu dem legendären Pony?

Magnus: Der Mustang ist eine amerikanische Ikone wie 
Coca-Cola. Es war das erste amerikanische Fahrzeug in einer derartigen Variantenvielfalt. Design, Qualität, Kunden-
orientiertheit und Preis machten dieses Auto zu einem amerikanischen Lifestyle-Traum. Der Mustang war auch der erste Sportwagen für Jedermann. Ich selbst besaß auch einen Mustang Shelby GT 350. Wir hatten sehr viel Spaß zusammen. Aber mein Lieblings-Muscle Car ist der Plymouth Superbee. Mit dem hatte ich eine so gute Zeit, dass ich mir die Biene auf den Unterarm habe tätowieren lassen.

Marco: Die meisten Porsche-Fans akzeptieren nur originale Porsche-Teile. Du aber erfindest und baust eigene Teile. Ein Widerspruch?

Magnus: Ich liebe Porsche in ihrer Originalität und kann es sehr gut verstehen, wenn man auf Authentizität und damit auf den Werterhalt der Fahrzeuge bedacht ist. Ich selbst besitze einige Porsche im Originalzustand. Nichtsdestotrotz bereitet es mir eine große Freude, die Optik und die Performance zu optimieren. Ein besonderes Steckenpferd ist meine Nummer 277.

Marco: Wie beurteilst Du das aktuelle Porsche-Portfolio?

Magnus: Es ist fantastisch, auf welch hohes Niveau Porsche die Messlatte für Performance, Zeitgeist und Effizienz mit der aktuellen Modellpalette gelegt hat. Es ist beeindruckend, als Fahrer die Technologie des aktuellen 911er auf die Straße zu bringen, doch am Ende des Tages fahre ich am liebsten mit einem meiner Pre-73 911er durch L.A.

am0514_walker_32Marco: Wer ist Dein größtes Fahrer-Idol?

Magnus: Meine Idole sind eher Engländer. Das liegt wahrscheinlich an meinen britischen Wurzeln: Jackie Stewart, James Hunt, Damon Hill, Nigel Mansell und Jim Clark. Natürlich gehört Michael Schumacher auch zu den ganz Großen.

Marco: Welches Auto aus Deiner Sammlung hat für Dich die größte Bedeutung?

Magnus: Im Grunde genommen erzählt jedes meiner Fahrzeuge eine besondere Geschichte und hat sein eigenes Leben. Den einen besonderen Favoriten gibt es nicht.

Marco: Manchmal individualisierst Du Porsche-Teile, die Du haben willst und die es sonst nicht gibt – wie die seitlichen hinteren Plastikfenster oder die leichten, ausgefrästen Türgriffe. Was können wir in  jüngster Zukunft von Dir erwarten?

Magnus: Da es für die alten 911er sehr schwierig und teuer ist, an die attraktiven Original-Felgen zu kommen, werde ich in der zweiten Hälfte dieses Jahres eine Felge im „Hollow-Design“ vorstellen, die stark an den Stil der 60er und 70er Jahre angelehnt ist.

Marco: Dann bist Du ja schließlich doch noch ein „Mitarbeiter“ von Porsche geworden.

Magnus: Nicht ganz. Ich arbeite gerne mit, aber ich bin und bleibe mein eigener Chef. Meine Unabhängigkeit ist mir das Allerwichtigste.

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Fotos: N. Meiringer

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