Wenn ein Scheich sammelt…

Wenn ein Scheich sammelt…dann kommt dabei manchmal ein riesiges Privatmuseum heraus. Mitten in der Wüste des Emirats Katar steht so eine Kollektion: Sie gehört einem Cousin des Rallye-Dakar-Siegers Nasser Al-Attiyah. In Begleitung des VW-Champions – ein Mitglied des dortigen Königshauses – durften wir zwischen den schönsten Amis wandeln und uns über noch ganz andere Ausstellungsstücke wundern

Bereits die Anzeige auf dem Monitor im Air Quatar-Flieger beim Anflug auf Doha bereitet uns vor, das hier alles etwas anders ist: “797 Meilen über die rechte Tragfläche bis nach Mekka…” Wir sind auf dem Weg zu Nasser Al-Attiyah – der Mann ist VW-Werksrennfahrer, als Dakar-Sieger aktueller Champion der härtesten Rallye der Welt, viermaliger Olympiateilnehmer im Tontaubenschießen und Mitglied der königlichen Familie in Katar, kurz: ein Nationalheld. Wir haben das Glück, ihn in seinem Land besuchen zu dürfen, um zu sehen, was er sonst noch macht außer schießen oder rasen…

Dazu muss man wissen: Quatar ist gerade mal so groß wie Jamaika. 320000 echten Kataris stehen 1,7 Millionen Gastarbeiter gegenüber. Kein Katari muss dank immenser Öl- und Gasvorkommen Steuern zahlen, geschweige denn Abgaben für Wasser, Strom oder Krankenversicherung. Ein Liter Superbenzin kostet gerade mal umgerechnet 20 Cent. Auf deutsch: ein Paradies. Wenn man ein Katari ist. Daraus macht Nasser auch keinen Hehl. Umso angenehmer, wie bodenständig und geradezu liebenswert er geworden und geblieben ist: Die Mutter von Staatschef Emir Hamad bin Kalifa Al Thani ist die Schwester seines Vaters. Das heißt: Der Mann gehört zum Königshaus und hat deshalb eine Menge einflussreicher Cousins. All das muss man wissen, um zu begreifen, wieso er uns eine der wohl größten Schatzkammern seines Landes zeigen kann: das Privatmuseum seines Cousins Sheikh Faisal bin Quassim bin Faisal bin Thani bin Quassim bin Mohammod Al-Thani. “Da habe ich ein paar Autos hingegeben,” hatte er vorher gesagt, “aber dort stehen auch sonst noch ein paar interessante Dinge…”

Klar wollen wir das sehen, und erkennen schon von außen: Nasser hat nicht übertrieben. Mitten in der Wüste, etwa 25 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Doha, halten wir nach dem Passieren von Sicherheitsleuten und einer 500 Meter langen Auffahrt vor einem riesigen, Fort-ähnlichen Gebäude. Ein einsamer Arbeiter restauriert gerade ein 100 Jahre altes Schiff, daneben befindet sich ein großes Salzwasserbecken mit Fischen und zwei Booten. Wir werden durch einen niedrigen Nebeneingang in das 1998 gegründete Museum hereingelassen und erstarren.
In einer riesigen Halle stehen rund 50 amerikanische Traumwagen, beginnend mit Buick 8 von 1938 und einem 36er Chevrolet über Cadillac Impala und Ford Fairlaine bis zu einer Menge Pick-up Trucks wie Dodge 100. Warum der Cousin denn nur Amis gesammelt hat, frage ich Nasser. Der grinst: “Das ist keine Sammlung im üblichen Sinne: Die Wagen haben alle mal den beteiligten Familien gehört,” klärt er uns auf, “und damals gab es in Katar keine anderen Wagen als amerikanische…” Das erklärt auch die erkleckliche Anzahl von allradgetriebenen Dodge Power Wagon aus den 50er Jahren. Nasser: “Einer davon gehörte meinem Großvater…”

Ehrfürchtig wandeln wir auf echten Teppichen – die wahrscheinlich mindestens so wertvoll sind wie die Autos – zwischen dem Blech, das hier hingestellt wurde wie zuletzt gebraucht. Erklärungen zu den Autos sucht man vergebens, mit Glück steht da “Classic Car” und das Baujahr. Anders beim Formel-1 in der Mitte der Halle vor dem zweimotorigen Flugzeug, mit dem ein anderer Cousin einst eine Weltumrundung wagte: Der BMW-Williams von 2005 soll von Mark Webber, Nick Heidfeld und Antonio Pizzonia gefahren worden sein. Über das ganz und gar ungewöhnliche weiße Rallye-Auto auf der anderen Seite kann uns Nasser am meisten erzählen: Es war sein erstes eigenes Rennauto, ein Gruppe-B-Mitsubishi Evo V. Mit dem nahm er 1990 bis 1995 an den nationalen Rallyes teil. Warum rechts davon ein zum Triumph 48 Corsa Spyder umgebauter Spitfire 1500 steht und links ein Buckler (Kit-Car aus den 50er Jahren), weiß er auch nicht. Dass vor den Autos in einer Vitrine ein Original-Overall von Michael Schuhmacher steht und in einer zweiten ein frühes Exemplar von Nasser, ist da schon eher erklärlich.
Die andere Seite der riesigen Halle ist voll mit Schiffen – die lassen wir links liegen. Es zieht uns eher durch ein Tor, flankiert von zwei ehemals staatstragenden Long-Wheel-Base-Amis, der Chrysler DeSoto mit Selbstmördertüren, Wimpeln auf den Kotflügeln und seitlichen Trittbrettern sowie Handgriffen für die Leibwache bestückt. Ein Zwischenraum beherbergt ein paar Gemälde, und gleich danach kommen – Autos.

In einer Ecke die “junge Vergangenheit”: Cokebottle-Corvetten, auch die originale Pace-Car-Vette vom Indianapolis-Rennen, Limited Edition L82 aus dem Jahr 1978. Dazu Pontiac GTO 400, Plymouth 383 Road Runner, Trans Am und womit sich die Väter sonst noch so die Zeit damals vertrieben haben. Zwei Mercedes SL aus den 80er Jahren bilden die Moderne, mit hässlichen US-Hörnern – einer gehört Nasser. Davor ein Sammelsurium von Ford-T-Modellen aus den 10er und 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Davor ein uralter Dampfwagen, dessen Erbauer an keiner Stelle zu ergründen ist und ein Panna von 1908, noch eine echte Kutsche ohne Pferde. Nasser schreitet mit uns die Sammlung ab und bleibt beim verwohntesten T-Model stehen: “Den hat mein Cousin in Amerika gekauft,” sagt er, “da lebte ein Mann drinnen, und er starb auch dort.”

Dass der Kalif anscheinend alles behielt, was er jemals in die Hände bekam, bezeugen die Ausstellungsstücke in den Vitrinen: Da liegen die wildesten Kühlerfiguren genauso wie ein Scheinwerfer eines handelsüblichen Strichachters, da steht eine wunderbare alte Pumpstation neben einem VW-Logo eines Wolfsburger Kleinlasters und einer modernen Ford-Pflaume. Radkappen und Nummernschilder hat der Mann genauso gehortet wie Spielzeugautos in Wüstencamping-Szenen der 50er Jahre. Dosen mit Trinkwasser und dem Verfallsdatum 1961 (!) finden sich hier genauso wie Türen, Schmuck, Gewänder und Minilaster und -Pick-up, die den kleinen Scheichs als Spielzeug gedient haben dürften, solange sie noch keinen Führerschein besaßen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit, um die anderen Dinge zu bewundern: edle Teppiche, Gemälde, Waffen aller Art, Türen, Fotos, Schriftstücke, Transistorradios, der Koran als winziges Heft bis zum kindshohen Buch. Sogar ein Schlüssel zum Tempel in Mekka befindet sich hier. Ist das Museum normalerweise für jeden nach Anmeldung zugänglich, gibt es einen Raum, der nur engen Vertrauten geöffnet wird. Dank Nasser dürfen wir in die gute gesicherte Kammer: ein Gedenkraum für Saddam Hussein, den hingerichteten Diktator des Irak.

Hier sind nicht nur seine goldenen Waffen, seine Stifte, Gehstöcke und Papiere, sondern auch seine drei Lieblingsmotorräder: eine Norton, eine Motobécane und eine Ducati. Und noch mehr persönliche Dinge, deren Beschreibung wir nicht wagen. Fotografieren? Selbstverständlich streng verboten.
Hier ist eben wirklich alles ein bisschen anders.

Information

Emirat Katar
Halbinsel am Persischen Golf, Größe: 180 x 80 km. Subtropisches Klima, kaum Vegetation. 1,7 Millionen Einwohner, höchstes Pro-Kopf-Einkommen der Welt, exzellentes Sozialsystem, kostenlose medizinische Versorgung. Absolute Monarchie, der Emir ist Staatsoberhaupt und Gesetzgeber. Handel mit Öl und Gas, Mega-Solarkraftwerk im Bau. Beteiligungen an VW und Porsche – Katar ist drittgrößter Aktionär bei VW.

Bilder: Roland Löwisch, Christian Grund

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